Stipendiatin berichtet

„Vieles hat mich überrascht“

10.07.2019 – Anna hat ihr Studium in Moskau unterbrochen und ein Praktikum im Bundestag gemacht. Toll fand sie, dass Abgeordnete häufig Experten befragen. Lest selbst, was die junge Russin im deutschen Politikbetrieb noch überrascht hat.
Junge Frau vor dem Bundestag
Arbeitsort für fünf Monate: Anna mit Hausausweis auf der Brücke, die zwei Bundestagsgebäude über die Spree hinweg verbindet. © privat

Wie bist du auf das Stipendium des Bundestages aufmerksam geworden? 

Ich studiere in Moskau Journalismus. Eigentlich war ich auf der Suche nach einem journalistischen Praktikum. Aber dann bin ich in den Nachrichten auf das Internationale Parlamentsstipendium, kurz IPS, gestoßen und fand das fünfmonatige Programm super spannend. 

Mit 13 habe ich schon mal einen Schüleraustausch nach Deutschland gemacht. Das war für mich sehr prägend. Ich habe damals verstanden: Wir kommen aus verschiedenen Ländern, wir sprechen verschiedene Sprachen – aber wir interessieren uns für die gleichen Dinge.

Was hast du dir vom IPS erhofft?

Es ist eine tolle Möglichkeit, zu sehen, wie die Politik in einem anderen Land funktioniert. Dahin zu kommen, wo kein ‚normaler Mensch‘ hinkommt. 

Bei welchem Abgeordneten warst du zum Praktikum? 

Bei Frank Sitta von der FDP. Man kann sich eine Fraktion wünschen, ohne Garantie natürlich. Aber bei mir hat es mit der Wunsch-Fraktion geklappt. 

Wie sah dein Arbeitsalltag im Bundestag aus? 

Ich habe bei Recherchen geholfen, an Sitzungen teilgenommen, Zusammenfassungen geschrieben. Ab und zu durfte ich auch bei einer Anfrage mithelfen, das war spannend. Ich hätte gerne noch mehr Aufgaben übernommen, aber es geht ja eher darum, dass man eine Vorstellung von der Arbeit bekommt. 

Und – hast du eine gute Vorstellung bekommen? 

Ich denke schon. Es war eine große Überraschung für mich, wie viel Arbeit in so einem Abgeordnetenbüro anfällt. 

Hat dich noch etwas überrascht?

Vieles sogar. Ich habe zwar zur Vorbereitung das Buch „So arbeitet der Bundestag“ gelesen. Aber eine richtige Vorstellung habe ich erst bekommen, als ich mit in die Sitzungen, Arbeitsgruppen und Ausschüsse gekommen bin. Das ist zum Beispiel etwas, das ich mir anders vorgestellt hatte: Ich dachte, in den Ausschüssen sprechen die Abgeordneten unter sich – aber man lädt auch Experten ein, um das Thema besser einschätzen zu können. Das finde ich großartig. 

Überraschend war übrigens auch, wie viel Post im Büro ankommt. Ich meine damit Papierpost – wir machen das in Russland alles digital. 

Gab es ein besonders spannendes Projekt? 

Spannend fand ich vor allem, dass man mit so vielen verschiedenen Themen in Berührung kommt. Ein Schwerpunkt lag bei uns auf dem Thema Digitalisierung. Da ging es mal um den Glasfaserausbau. Ich musste eine kurze Zusammenfassung darüber schreiben. Super interessant, aber auch alles sehr fachlich, da musste ich mich erst mal einarbeiten.

Erinnerst du dich an ein besonders beeindruckendes Erlebnis? 

Beeindruckt hat mich die freundliche Atmosphäre und der offene und hilfsbereite Umgang mit uns Praktikanten. Alle Fragen waren willkommen, selbst die dümmsten.

Was hast du über das politische System in Deutschland gelernt? 

Ich habe es insgesamt viel besser verstanden. Natürlich habe ich hauptsächlich die Arbeit des Bundestages intensiv kennengelernt. Aber dabei war auch immer klar, dass Entscheidungen nicht nur dort getroffen werden, sondern dass es das Zusammenspiel verschiedener Institutionen ist, also auch der Bundesregierung und des Bundesrates. Diese verschiedenen Perspektiven finde ich sehr wichtig in einem System, das sich Demokratie nennt. 

Was wirst du an Deutschland vermissen? 

Im Vergleich zu Moskau gibt es in Berlin sehr viele Ausländer, die gut Deutsch sprechen und sich gut integriert fühlen. Hier existieren verschiedene Kulturen friedlich nebeneinander, die Interesse aneinander haben und sich austauschen. Das hat mir sehr gefallen. 

Ich mag auch die deutsche Sprache und Kultur, die Arbeitsweise: Die Leute fühlen sich verantwortlich für das, was sie machen, man arbeitet zusammen, man hilft einander. 

Wie sind deine Zukunftspläne? 

In einem Jahr beende ich meinen Master. Danach würde ich gerne im Bereich deutsch-russischer Beziehungen tätig sein. Mich interessieren nicht nur die politischen Beziehungen, sondern auch die kulturellen. Deutschland hat viele politische Stiftungen, die Vertretungen in Russland haben, vielleicht wäre so etwas interessant. 

Über Anna 

Anna Khaerdinova ist 22 und kommt aus Moskau. Dort studiert sie Journalismus. Aktuell macht sie im Rahmen des Internationalen Parlaments-Stipendiums ein Praktikum im Bundestag. 

(DBT/jk)

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