Kerstin Andreae (Die Grünen)

„Der Berliner Blase entkommen“

13.09.2019 – Eric hat Kerstin Andreae von den Grünen in Freiburg getroffen und mit ihr über Carsharing, Fridays for Future und die Zukunft der Grünen gesprochen.
Kerstin Andreae und Autor im Gespräch
Kerstin Andreae im Gespräch mit Eric in der kreativen Lokhalle in Freiburg. © privat

Treffen im Kreativpark 

Das Thermometer zeigt 40 Grad an, es ist heiß. Die Straßen sind leergefegt, die Menschen sind im Schwimmbad oder an der Dreisam, dem kleinen Fluss, der durch Freiburg fließt. Die Hitze ist der bestens gelaunten Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen jedoch nicht anzumerken, als sie die Lokhalle in Freiburg betritt. Die Lokhalle ist ein „Kreativpark“, ein offener Raum für Start-Ups und andere engagierte, kreative Menschen. Kerstin Andreae hat diesen Ort für das Interview ausgewählt, da er etwas mit ihrer Partei gemeinsam habe: die Vorstellung von lokaler, sozialer und insbesondere auch ökologischer Wirtschaftsstruktur, erklärt die 50-jährige Diplom-Volkswirtin.

Wirtschaft, das ist der Hauptaufgabenbereich ihrer politischen Arbeit in Berlin, denn Andreae ist Sprecherin für Wirtschaftspolitik der Grünen-Fraktion. In ihren Augen aber ist sie insbesondere auch das Sprachrohr für die Menschen und Bürger ihres Wahlkreises Freiburg. Bei der letzten Europawahl wurde ihre Partei dort stärkste Kraft. Das sei aber nichts Außergewöhnliches, da die Grünen im Raum Freiburg auch schon vor ihrem bundesweiten Aufschwung „gigantische Wahlergebnisse auf allen Ebenen“ eingefahren hätten und an ihrer Partei dort eigentlich niemand vorbeikomme. 

Hohe Erwartungen an die Grünen 

Bis zum vergangenen Jahr saß 16 Jahre lang ein grüner Oberbürgermeister im Freiburger Rathaus. Die Partei entsendet auch regelmäßig die meisten Gemeinderäte. Dementsprechend hoch sei auch die Erwartungshaltung an sie selbst, sagt Andreae. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, biete sie beispielsweise monatliche Bürger-Sprechstunden für einen „kommunikativen Austausch“ an, und versuche, ihre parlamentarische Arbeit dauerhaft mit der „Realität des Wahlkreises zu verzahnen, um damit der Berliner Blase zu entkommen.“ 

Zu diesem Politikverständnis passt auch, dass Andreae sich für Transparenz einsetzt, weshalb sie auf ihrer Homepage all ihre Einkünfte veröffentlicht hat und offen kritisiert, dass „für die Bürger zu wenig erkennbar ist, wer und in welchem Umfang Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess nimmt.“ Das wäre konsequent, da politische Entscheidungen oftmals direkte Auswirkungen auf die Bürger hätten. 

Herausforderungen in Freiburg 

Klassische bundesweite Großstadt-Probleme würden auch ihren Wahlkreis des Öfteren vor gewaltige Herausforderungen stellen, erzählt Kerstin Andreae. Dazu zählten beispielsweise die Wohnungsnot und der Fachkräftemangel, aber auch die derzeitige Verkehrssituation. Diese würde sie gerne durch innovative Verkehrskonzepte wie Carsharing und mehr Radverkehr ändern. 

Wenn sie nicht Bundestagsabgeordnete, sondern Oberbürgermeisterin in Freiburg wäre, was würde sie dann als erstes tun? Kerstin Andreae sagt, sie würde versuchen, in Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden die Region glyphosatfrei zu machen. Glyphosat ist ein umstrittenes Unkrautvernichtungsmittel, das die Grünen als „Ackergift“ bezeichnen. Des Weiteren würde sie den Ausbau der Kindertagesstätten weiter vorantreiben, besonders in sozialen Brennpunkten, sagt die Mutter von drei Kindern.

Ein Thema, das insbesondere die jungen Menschen in Freiburg umtreibe, sei der Klimawandel und die weltweite Bewegung Fridays for Future. Freiburg sei schon immer eine „ökologische und nachhaltige Stadt“ gewesen, was man auch daran erkennen könne, dass die deutsche Anti-Atomkraft-Bewegung ihren Ursprung im Freiburger Umland gefunden habe. Dass solche aktuellen politischen Entwicklungen auch einen enormen Einfluss auf die Tagespolitik haben, merkt Andreae oft, da „die weltpolitische und nationale Lage den Tag bestimmt. Was morgens in der Zeitung steht, hat immer irgendwie eine Relevanz für den Tag.“ 

Volle Tage, viel Verantwortung 

Das sei genau das, was sie an ihrem Beruf so schätze: Kein Tag sei wie der vorherige und man wisse morgens nie, wie er abends enden werde. Andreae macht aber ebenso wenig ein Geheimnis daraus, dass das Leben als Berufspolitiker anstrengend und zeitintensiv ist und man „jeden Tag von 5 bis 23 Uhr arbeiten könnte“. Deshalb sei es umso wichtiger, sich bewusst Pausen zu nehmen und auf den Körper zu achten. 

Dieses Arbeitspensum könnte sich für ihre Partei sogar noch deutlich erhöhen, denn diverse Medien und politische Beobachter halten einen Bruch der Großen Koalition in nicht allzu ferner Zukunft für durchaus möglich. Für so einen Fall fühlt sich Andreae mit ihrer Partei bestens vorbereitet. Schließlich würden die Grünen schon in zehn Bundesländern Regierungsverantwortung übernehmen, meint sie, und seien somit auch bereit, dies im Bund zu tun. Dazu bedarf es für die derzeit kleinste Oppositionspartei jedoch zu allererst des Vertrauens der Wähler. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Umfragewerte der Grünen auf einem so hohen Niveau halten können, wie es diesen Sommer die Temperaturen taten. Kerstin Andreae wünscht es sich. 

Über Kerstin Andreae 

Kerstin Andreae, 50, ist studierte Volkwirtin. Sie hat unter anderem an einem Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut und in einer Agentur für Gesundheitstechnologie gearbeitet. Bald wird sie die Geschäftsführung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft übernehmen. Seit 2002 sitzt sie für die Grünen im Bundestag und ist dort im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie stellvertretend im Finanzausschuss. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Bundestagsprofil

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