Anna Christmann (Bündnis 90/Die Grünen)

„Ich bin noch nicht fertig“

27.08.2021 – Am Stadtstrand mitten in Stuttgart hat mitmischen-Redakteurin Lucia die Grünen-Politikerin Anna Christmann getroffen. Warum die 37-Jährige in ihrem Wahlkreis erneut antritt, sie schon mal von einem Roboter umarmt wurde und was sie von Sperrstunden hält.
Frau steht vor einem Baum und stützt sich mit Hand auf der Lehne von einem Stuhl ab
Am Stadtstrand in ihrem Wahlkreis Stuttgart ist Anna Christmann auch gern mit ihrer Familie. © Lucia Prabel

Ein schnittiges gelbes Rennrad lehnt an einem Tisch am Stuttgarter Stadtstrand. Hier wurde Sand am Neckarufer aufgeschüttet, um Strandflair zu erzeugen. Am Tisch hinter dem Rad sitzt die Bundestagsabgeordnete Anna Christmann, sie fröstelt ein bisschen. "Frisch für August", stellt die Politikerin der Partei Bündnis 90/Die Grünen fest.

Für die 37-Jährige ist es nicht der erste Besuch hier. Der Stadtstrand ist ein Lieblingsort der Politikerin, die 2017 über die Landesliste Baden-Württemberg in den Bundestag eingezogen war. Bei der Bundestagswahl am 26. September tritt sie im Wahlkreis Stuttgart II erneut auch als Direktkandidatin an. "Kaffee für mich und ein Spielplatz für die Kinder, das ist die perfekte Kombination", sagt sie. Hier sitzt sie gern mal und genießt laue Sommerabende.

Idylle in der Stadt

Gerade ist jedoch wenig los an den anderen Tischen und auf den Liegestühlen, ein paar Kinder spielen und laufen hin und her, entspannte Musik kommt aus der Bude, die kalte und an Tagen wie diesen wohl eher warme Getränke verkauft. Ein paar Meter entfernt spielen junge Leute Beachvolleyball.

Und nicht nur die Umgebung scheint sehr idyllisch: In Stuttgart, der sechstgrößten Stadt Deutschlands, ist die Arbeitslosenquote mit rund 5 Prozent vergleichsweise gering, nach Hamburg und Berlin gibt es hier die meisten Elektroautos in Deutschland. Vom demografischen Wandel ist hier wenig zu spüren – knapp 50 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen des Wahlkreises von Anna Christmann sind unter 35 Jahre alt.

Der Frust ist groß

Doch Orte wie den Stuttgarter Stadtstrand – offen für junge Leute –  gebe es zu wenige in Stuttgart, findet sie. Die politische Antwort der Stadt auf die Feiern von Jugendlichen auf öffentlichen Plätzen seien immer wieder Sperrstunden, was „aus Sicht der Anwohner auch verständlich ist, aber für die Jugendlichen auch keine gute Antwort, wenn es keine anderen Plätze für sie gibt“.

Tatsächlich wurden in der Stuttgarter Innenstadt, wie in anderen deutschen Städten auch, in den vergangenen Monaten nach und nach viele der beliebten Plätze nachts gesperrt. Der Frust unter den jugendlichen Stuttgartern ist groß.

Ein Leben mit „Gestaltungsdrang“

Christmanns zwei Kinder sind zwar noch nicht in dem Alter, in dem sie das betrifft. Aber ihre eigene Studienzeit in Heidelberg ist noch nicht allzu lang her: Die Grünen-Politikerin schloss ihr Studium 2008 mit einem Magister in Mathematik, Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften ab. In dieser Zeit sammelte Christmann Erfahrungen, die ihre Berufswahl beeinflusst haben dürften: Sie saß im Parlament des Unisenats und war Mitglied der grünen Hochschulgruppe, arbeitete außerdem im Büro der grünen Landtagspolitikerin Theresia Bauer. Einen „Gestaltungsdrang“, wie sie es nennt, habe sie schon immer gehabt: „Ich hatte immer schon Spaß daran, Dinge mitzugestalten und zu entscheiden.“

Mehr Lust auf Politik

Passend, dass die Forderung nach der Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre eine Kernforderung der Grünen im Bundestagswahlkampf ist. „Jugendliche sind nach meiner Beobachtung eigentlich total politikinteressiert. Wie frustrierend für sie, dass sie nicht mitentscheiden dürfen“, findet Christmann. Sie erhofft sich von dieser Maßnahme positive Auswirkungen in zwei Richtungen: Mehr Lust, sich mit Politik zu beschäftigen auf Seiten der Jugendlichen. Und auf Seiten der Politik mehr Motivation, Themen junger Menschen zu priorisieren. Vor allem in der Corona-Zeit seien diese Themen viel zu kurz gekommen – was in der ersten Phase, in der es an erster Stelle darum gegangen sei, ältere Menschen zu schützen, auch völlig gerechtfertigt gewesen sei. „Aber jetzt sind die Jugendlichen dran“, sagt die 37-Jährige.

Ab in die Regierung

Christmann möchte mit diesen und anderen Themen der Grünen nicht nur wieder in den Bundestag einziehen, sondern mit ihrer Partei an der Regierung beteiligt sein. In der Opposition seit 2017 hat die Stuttgarterin sich vor allem im Bereich Digitalisierung, Bürgerbeteiligung und Wissenschaftspolitik beziehungsweise an der Schnittstelle dieser drei Bereiche engagiert.

Die Bundestagsabgeordnete ist Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, im Ausschuss Digitale Agenda, in der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ sowie im Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement. Sie resümiert: „Ich war überrascht, wie viel man als Abgeordnete erreichen kann. Aber ich bin noch nicht fertig.“

Umarmung von einem Roboter

Als Wissenschaftspolitikerin und Engagement-Expertin kommt sie viel rum in der Bundesrepublik, um Ideen aus Zivilgesellschaft und Forschung kennenzulernen. Das begeistert sie an ihrem Job: die Abwechslung, der Austausch und die Gespräche. Mit leuchtenden Augen berichtet sie von einem „Demokratiebahnhof“ getauften selbstbestimmten Jugendzentrum in einem alten Bahnhofsgebäude einer mecklenburgischen Kleinstadt – und mit genau so viel Enthusiasmus von einem Besuch in einem speziellen Forschungszentrum in Heidelberg, das super hochauflösende Mikroskope entwickelt.

„Da steht dann eine riesige Anlage, mit der so winzige Dinge wie Corona-Viren sichtbar gemacht werden können.“ Einmal habe sie sich auf einem solchen Besuch in einem anderen, auf Roboter spezialisierten Forschungszentrum von einem Roboter umarmen lassen, erzählt sie – und lacht. „Der war total weich, wie ein großer Plüschbär, aber ich bin schon froh, dass ich zum Umarmen meine Familie habe.“

„Stimme erheben und mitmischen“

Anna Christmann ist gerne Berufspolitikerin. Sie wirkt leidenschaftlich – und gleichzeitig kompromissbereit. Man kann sie sich also gut vorstellen im Gespräch mit Kollegen wie mit Bürgern, aber auch bei Debatten im Bundestag. Sie sucht den Kontakt zu den Menschen: der digitale Wahlkampf über Twitter und Instagram mache ihr Spaß, und dennoch freue sie sich, dass durch die steigende Impfquote jetzt auch wieder analoge Veranstaltungen möglich sind, sagt sie. Denn zufällige Begegnungen seien eben doch besonders bereichernd.

Manchmal werde sie erst durch ein spontanes Gespräch auf einer Wahlkampfveranstaltung auf bestimmte Probleme aufmerksam, die sie dann versuche anzugehen oder zumindest an Kollegen weitertrage, berichtet die 37-Jährige. Grundsätzlich möchte sie aber auch vor allem junge Menschen ermutigen, sich für ihre Belange einzusetzen. Die nächste Wahl sei entscheidend für die Zukunft der jetzt Jugendlichen, findet sie. „Junge Menschen müssen die Konsequenzen dessen tragen, was heute entschieden wird. Es lohnt sich, die Stimme laut zu erheben und mitzumischen.“

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