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Interview „Etwa einer von 1.000 Infizierten stirbt“

Thomas Mertens, Leiter der Ständigen Impfkommission, erklärt, warum Masern so gefährlich sind und warum seiner Meinung nach eine Impfpflicht nicht ausreichen wird, um sie auszurotten.

Portrait Thomas Mertens

„Masern sind keine Kinderkrankheit“, sagt Thomas Mertens. © privat

Wie gefährlich sind Masern?

Masern sind eine gefährliche Krankheit. Auch wenn im Internet manchmal anderes verbreitet wird. Und sie sind auch keine Kinderkrankheit. Jeder, der sie noch nicht hatte und nicht geimpft ist, kann sie bekommen.

Was macht die Krankheit so gefährlich?

Zum einen sind Masern hoch ansteckend. Dann haben sie eine biologische Besonderheit: Sie unterdrücken das Immunsystem erheblich – und zwar für längere Zeit. So können andere, auch bakterielle Infektionen schnell gefährlich werden. Außerdem haben Masern eigene Komplikationen. Zum Beispiel können verschiedene Formen der Lungenentzündung oder Hirnentzündungen auftauchen.

Wie oft enden Masern tödlich?

Etwa einer von 1.000 Infizierten stirbt daran. Weltweit gibt es aktuell mehr als 100.000 Todesfälle im Jahr. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen, die WHO, die Ausrottung der Masern zu einem wichtigen Ziel erklärt. Auch Deutschland hat sich diesem Ziel verpflichtet.

Kann man die Masern denn komplett ausrotten?

Theoretisch ist das möglich. Masern treten nur bei Menschen auf. Wenn weltweit genug Menschen geimpft wären, dann würde die Krankheit nicht mehr auftreten. In manchen Ländern in das schon so, in Nepal etwa oder in einigen skandinavischen Ländern.

Wie viele Menschen müssten denn geimpft sein?

Es gibt Schätzungen, die von etwa 95 Prozent ausgehen.

Und wie weit sind wir davon entfernt?

Im statistischen Mittelwert nicht sehr weit. Etwa fünf Prozentpunkte. Allerdings brauchen wir nicht nur diese statistische Impfquote. Wir brauchen eine homogene Durchimpfung.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, das die Geimpften und damit Immunen gleichmäßig verteilt sein müssen in der Bevölkerung. Das ist aktuell leider nicht der Fall. Wir haben in den Bundesländern, aber auch in den Landkreisen zum Teil sehr unterschiedliche Impfquoten. Es gibt Kreise, in denen nur etwa 60 bis 70 Prozent der 3-Jährigen geimpft sind.

Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Sachsen zum Beispiel hat eine andere Impfempfehlung als die Ständige Impfkommission empfiehlt. In Sachsen wird die zweite Masern-Impfung erst später empfohlen, nämlich etwa mit der Einschulung. Es ist aber wichtig, dass Kinder früh geimpft werden, weil sie sonst ja bis zur Einschulung ansteckbar sind.

Es gibt auch viele Fehlinformationen in den Sozialen Medien. Impf-Mythen wie „die Impfung verursacht Autismus“ halten sich hartnäckig, obwohl sie durch weltweite Studien absolut widerlegt wurden. Da steht mitunter absoluter Mist im Internet. Es gibt Gruppen, in denen solche Vorstellungen verbreitet sind – und dort ist die Impfquote dann natürlich niedriger als im Durchschnitt.

Wie viele Impfgegner gibt es in Deutschland?

Die meisten Menschen, die sich nicht impfen lassen, verschwitzen es einfach nur. Die wirklich harten Impfgegner machen nur ein oder zwei Prozent der Bevölkerung aus. Alle anderen sind eigentlich bei entsprechender Aufklärung zu überzeugen.

Werden die Menschen denn ausreichend aufgeklärt?

Es ist absolut entscheidend, dass die Ärzte im Bereich der Impfungen gut ausgebildet sind. Im Medizin-Studium spielt das Thema leider aktuell keine große Rolle. Dabei ist es so wichtig, dass Ärzte gute Aufklärungsgespräche führen. Die müssen natürlich ehrlich und differenziert sein. Wenn jemand behauptet, irgendetwas sei 100-prozentig sicher, dann ist ja jedem denkenden Menschen klar, dass das nicht stimmen kann.

Welche Risiken gibt es bei einer Masern-Impfung, auf die ein ehrlicher Arzt hinweisen müsste?

Es kann natürlich da, wo man gepikst wurde, ein paar Tage wehtun. Man kann sich auch einen Tag lang so fühlen, als hätte man einen Infekt, und auch Fieber bekommen oder ein flüchtiges Exanthem, einen Ausschlag. Das liegt daran, dass der Körper sich eben mit dem Impf-Antigen beschäftigt. Schwere Nebenwirkungen sind aber extrem selten.

Die Bundesregierung möchte Eltern, deren Kinder Gemeinschaftseinrichtungen besuchen, dazu verpflichten, ihre Kinder impfen zu lassen. Eine gute Idee?

Das ist eine Möglichkeit, Impfquoten zu erhöhen und eine homogene Immunität zu erreichen. Ausreichen wird das allerdings nicht. Wir brauchen zusätzlich viele anderen Maßnahmen. Ein paar haben wir schon angesprochen, die Ausbildung der Ärzte etwa. Eine weitere wäre ein sogenanntes niedrigschwelliges Impfangebot, grade für Jugendliche und Erwachsene. Wir müssen dafür sorgen, dass jeder unkompliziert und schnell an eine Impfung kommen kann – im Idealfall ohne extra Arzttermin.

Kritiker sagen, die Impfpflicht sei ein Eingriff in das Recht auf Selbstbestimmung. Sie argumentieren: Jeder solle über seinen eigenen Körper entscheiden können, auch wenn die Entscheidung unvernünftig ist. Was sagen Sie dazu?

Es wird ja keinen Impfzwang geben. Es wird niemand von der Polizei abgeholt und zwangsweise geimpft werden. Sondern es soll eine Nachweispflicht geben.

Ich bin ein Alt-68er. Der Gedanke von zusätzlichen Zwängen liegt mir emotional nicht nah. Ich fände es toll, wenn man es schaffen könnte, eine hohe Impfquote durch gute Aufklärung zu erreichen.

Über Thomas Mertens

Prof. Dr. Thomas Mertens ist hauptberuflich Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Ulm. Ehrenamtlich leitet er die Ständige Impfkommission, deren Mitglied er schon seit 2004 ist.

Über die Ständige Impfkommission

Die Stän­dige Impf­kom­mis­sion (STIKO) ent­wickelt Impf­em­pfehl­ungen für Deutsch­land. Sie ist ein un­ab­hängiges Experten­-Gremium, wird aber vom Robert-Koch-Institut unterstützt. Gegründet wurde die Kommission 1972 vom Bundesgesundheitsamt.

(jk)

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