Ausbildung

"Wir schützen Politiker"

25.09.2019 – Bodyguards sind sie zwar nicht, aber sie schützen das Parlament: die Polizisten beim Deutschen Bundestag. Dort gibt es freie Ausbildungsplätze. Polizeihauptkommissarin Bettina Jahn im Interview.
Drei Polizisten am Messestand
Bettina Jahn mit zwei Kollegen auf der Jugendmesse YOU. © DBT

Es gibt das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei, 16 Länderpolizeien und die Polizei beim Deutschen Bundestag. Warum sollte man gerade bei Ihnen eine Ausbildung beginnen? 

Weil wir die kleinste, aber feinste Polizeidienststelle mit 186 Beamtinnen und Beamten sind und völlig unabhängig und selbstständig arbeiten dürfen. Gleichzeitig sind wir die einzige Polizeidienststelle, die einen so umfangreichen Aufgabenbereich hat. Wir sind verantwortlich für die Funktionsfähigkeit des Parlaments und schützen die bedeutendsten Politiker des Landes.

Was machen die Polizisten genau?

Grob gesagt ist das alles, was zu tun ist, um die Arbeitsfähigkeit des Parlaments zu erhalten. Wir sichern zum Beispiel die Plenarsitzungen, die Staatsbesuche, aber auch die Besucher, die tagtäglich in den Parlamentsgebäuden unterwegs sind. In Hochphasen im Sommer können das bis zu 8.000 Menschen am Tag sein, welche die Reichstagskuppel besuchen möchten. Wir sichern auch alle Ausschusssitzungen und Veranstaltungen, die innerhalb des Deutschen Bundestages stattfinden.

Wie sieht bei Ihnen ein spannender Tag im Hohen Haus aus?

Der 24. Juli war so ein spannender Tag. Der Bundestag kam zu einer Sondersitzung zusammen, damit die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer vereidigt werden konnte. Das hätte normalerweise im Plenarsaal stattgefunden, aber dort wurde zu dieser Zeit umgebaut. Also musste die riesige Veranstaltung mit hunderten von Abgeordneten, Pressevertretern und Gästen in einem anderen Gebäude des Bundestages ausgerichtet werden. Das war die Halle des Paul-Löbe-Hauses, die wir mit besonderen Maßnahmen sichern mussten, da es dort andere bauliche Gegebenheiten gibt als im Plenarsaal. 

Es bleibt spannend: Im nächsten Jahr übernimmt Deutschland in der zweiten Jahreshälfte die EU-Ratspräsidentschaft. Dadurch wird es zu mehreren Veranstaltungen mit Gästen aus den EU-Mitgliedstaaten kommen. Wir werden viel zu tun haben.

Und ein ganz langweiliger Tag?

Wenn keiner im Haus ist, wir alle Türen schließen und keine Besucher da wären, könnte man sagen, wir hätten nichts zu tun. Das wäre ein ganz langweiliger Tag.

Aber den gibt es nicht?

Eigentlich nicht. Wenn das Reichstagsgebäude um Mitternacht „geschlossen“ wird, sich also keine Besucher mehr auf der Dachterrasse aufhalten, wird es insgesamt ruhiger. Da sich eine polizeiliche Lage in den seltensten Fällen vorher ankündigt, müssen wir auf unseren Streifen dennoch aufmerksam sein. Beispielsweise kann jemand versuchen, unsere Absperrung am Reichstagsgebäude zu überwinden oder wir ertappen einen Graffiti-Sprüher auf frischer Tat.

Welche Voraussetzungen sollte jemand mitbringen, der bei Ihnen eine Ausbildung machen möchte?

Sportlich sollte man auf jeden Fall sein. Die Grundvoraussetzung liegt bei den Noten momentan bei einer Drei in Deutsch und wenigstens einer Vier in Englisch. Einsatz- und Leistungsbereitschaft sind auch wichtig. Ansonsten kann sich jeder bewerben, der Spaß am Umgang mit Menschen hat, der die Abwechslung und die Teamgemeinschaft liebt. Die Bewerbungsfrist zum "Vorbereitungsdienst für den mittleren Polizeivollzugsdienst" mit Ausbildungsbeginn am 1. September 2020 läuft noch bis 31. Januar 2020. Alle Infos dazu gibt es auf der Ausbildungsseite des Bundestages.

Wie genau sieht die Ausbildung aus?

Die Ausbildung umfasst insgesamt 30 Monate. Wir bilden bei der Bundespolizei in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern aus. Das erste Ausbildungsjahr ist die Grundausbildung in Neustrelitz selbst. In der Grundausbildung lernt man zum Beispiel Polizeirecht, Staats- und Verfassungsrecht, Selbstverteidigung, aber auch den Umgang mit Waffen kennen. Das Ganze schließt man mit einer Prüfung ab.

Im zweiten Ausbildungsjahr werden insbesondere drei Praktika gemacht. Davon absolviert man zwei im Bundestag als zukünftiger Einsatzort, wir nennen das Verwendungsdienststelle. Man lernt in dieser Zeit aber auch die ganze Bandbreite der polizeilichen Arbeit der Bundespolizei kennen. Abschließend besucht man nochmal ein halbes Jahr einen Lehrgang in Neustrelitz.

Gibt es bei Ihnen eine Aufteilung in mittleren, gehobenen und höheren Dienst wie zum Beispiel bei der Bundespolizei?

Den gibt es, analog zur Bundespolizei. Die Kollegen vom Streifendienst arbeiten im mittleren Dienst. Man hat aber auch die Möglichkeit des Aufstiegs in den gehobenen Dienst aus den eigenen Reihen. Dann gibt es auch bei uns noch den höheren Dienst, unseren Polizeiführer, den Leiter der Polizei, der alle 186 Polizisten unter sich hat. Davon sind zwei höherer Dienst, 35 gehobener Dienst und 149 mittlerer Dienst. Von den 149 Kollegen des mittleren Dienstes sind 30 Beamte als Unterstützungskräfte der Bundespolizei bei uns. Vier Kollegen befinden sich aktuell auf dem Aufstiegslehrgang für den gehobenen Dienst.

Warum kann der Bundestag nicht einfach von der Bundespolizei geschützt werden?

Die Gewaltenteilung muss strikt eingehalten werden, um die Unabhängigkeit des Parlaments aufrechtzuerhalten. Wir wollen verhindern, wie wir es schon in ferner Vergangenheit hatten, dass einzelne Abgeordnete an der Ausübung ihres Mandats gehindert werden. Zum Beispiel könnte das dadurch passieren, dass sie im Vorfeld festgenommen werden oder am Betreten des Plenarsaals gehindert werden. Dass genau das nicht passiert, dafür sind wir da.

Ist es möglich, nach der Ausbildung zu einer anderen Polizeibehörde zu wechseln?

Nach Ablauf von einem Jahr ist es möglich, zu einer anderen Polizei wechseln. Das kommt aber auch immer auf den Einzelfall an. Oft wechseln die Kollegen mit einem Tauschpartner, in einzelnen Fällen auch ohne. Die Frage ist eher, ob man überhaupt wieder weg möchte.

Warum sind Sie Polizistin geworden?

Ich wollte schon im Alter von zehn oder zwölf Jahren Polizistin werden. Für mich kam nichts anderes in Frage, als zur Polizei oder zur Feuerwehr zu gehen, sehr zum Ärger meiner Eltern. Zu diesem Zeitpunkt gab es in beiden Bereichen nämlich noch keine Frauen. Die Polizei hat dann noch vor der Feuerwehr Frauen eingestellt und ich habe am 1. September 1990 meine Ausbildung angefangen.

(DBT/ste)

Über Bettina Jahn

Bettina Jahn (45) betreut als Leiterin der Führungsstelle 2 Täglicher Dienst/Lage die Anwärter bei der Polizei des Bundestages. Sie ist Erste Polizeihauptkommissarin im Referat ZR 3 Polizei, Sicherungsaufgaben.

Kommentare