Experte für Jugendarbeit im Sport

„Junge Fans weisen auf Missstände hin“

26.10.2022 – Randale, Pyro-Technik, Polizeieinsätze – Fußballfans haben nicht den besten Ruf. Gerd Wagner von der Koordinationsstelle Fanprojekte erlebt die jungen Fans als engagiert. „Viele setzen sich gegen Diskriminierung ein“.
Porträt von Gerd Wagner
Vielen jungen Fußballfans sei Anti-Diskriminierungsarbeit wichtig, sagt Gerd Wagner von der Koordinationsstelle Fanprojekte. „Aber auch Nachhaltigkeit und Klimaschutz spielen eine Rolle.“ © privat

Die Koordinationsstelle Fanprojekte betreut Fußballfans in ganz Deutschland. Fans wollen in erster Linie ihre Mannschaft unterstützen. Warum bedarf es einer Koordinierungsstelle? Und was macht diese?

Das erste Fanprojekt wurde 1981 in Bremen gegründet. In den 1980er Jahren gab es vermehrt rassistische und gewalttätige Vorfälle innerhalb der Fußballfan-Szene. Ein besonders tragischer Fall war der Tod des 16-jährigen Werder-Fans Adrian Maleika, der 1982 in Hamburg von Hooligans überfallen wurde. Damals hat man gemerkt, dass es nicht gelingt, allein mit repressiven Maßnahmen – also beispielsweise mithilfe der Polizei – gegen diese Vorfälle vorzugehen. Es musste ein anderer Ansatz her und das war die Geburtsstunde der Präventionsarbeit im Fußball. Man hat verstanden, dass man sich nicht erst um Jugendliche kümmern darf, die Probleme machen, sondern schon vorher um Jugendliche kümmern sollte, die Probleme haben.

Die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) wurde 1993 nach einem gemeinsamen politischen Beschluss von Innen-, Sport- und Familienministerien gegründet. Heute sind wir ein Netzwerk von 71 Projekten an 64 Standorten. Die Koordinationsstelle unterstützt die Fanprojekte dabei, mit den jugendlichen Fußballfans zu arbeiten. Wir wollen die Fähigkeiten der jungen Leute fördern und ihre Lebenskompetenz stärken. Außerdem versuchen wir, Jugendliche, die Gefahr laufen, in eine rechte oder gewalttätige Richtung abzudriften, durch alternative Angebote und Beziehungsarbeit aufzufangen.

Die „Ultras“ geben in vielen Stadien den Ton an. Welche Rolle spielen Rassismus und Diskriminierung denn heutzutage innerhalb dieser Fan-Gruppen?

Natürlich gibt es auch innerhalb der Fanszene große Unterschiede und unterschiedliche Ausrichtungen der Gruppen. Aber grundsätzlich gibt es viele junge Fußballfans in der aktiven Szene, die sich mit gesellschaftlichen Missständen wie Diskriminierung, Rassismus oder Homophobie auseinandersetzen und in den Stadien darauf aufmerksam machen.

Wenn es zu rassistischen oder diskriminierenden Vorfällen innerhalb des Fußballs kommt, tragen die Fangruppen maßgeblich dazu bei, dass diese Vorfälle in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Hier meine ich sowohl Vorfälle, die von den Zuschauern ausgehen als auch Vorfälle innerhalb der Mannschaft oder auf Funktionärsebene der Vereine. 2020 wurde zum Beispiel der Hertha-BSC-Spieler Jordan Torunarigha von Zuschauern auf rassistische Art beleidigt. Hier hat sich auch der Verein schnell solidarisch gezeigt. Das war gut, ist aber leider nicht immer so. 2019 war der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies durch rassistische Äußerungen aufgefallen. Die Reaktionen des Vereins waren damals enttäuschend.

Für viele Fans geht es aber nicht nur um die Gegenwart. Sie beschäftigen sich häufig auch mit der Vergangenheit der Vereine: Jugendliche Fans recherchieren, wie ihr Verein zur NS-Zeit mit jüdischen Sportlern und Sportlerinnen oder Mitgliedern umgegangen ist und konfrontieren den Verein damit.

Ein anderes Thema ist Katar: Die Ultras kritisieren die Menschenrechtsverletzungen, die in Katar stattfinden, und beziehen im Stadion klar Position. Es gibt in der Ultra-Kultur auch große Überschneidungen zur Bewegung Fridays-for-Future. Neben Anti-Diskriminierungsarbeit und Erinnerungskultur geht es also auch viel um Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dadurch stehen dann auch die Vereine unter Zugzwang. Die Ultras und die aktive Fanszene sind die Gruppierungen, die im Fußballbereich auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen.

Ultras

Ultras sind besonders überzeugte Fans einer Mannschaft. Die Fans feuern ihre Mannschaft mit Fahnen, Bannern, Trommeln und Gesängen an und begleiten sie zu Auswärtsspielen. Die Ultra-Bewegung kommt ursprünglich aus Italien. Dort schlossen Jugendliche sich in den 1950er und 1960er Jahren in Gruppen zusammen, um ihren Verein zu unterstützen.

Viele Ultra-Gruppen engagieren sich politisch und machen sich beispielsweise gegen Homophobie oder Neo-Nazis stark. Aber auch bei den Ultras gibt es gewaltbereite Fans, manchmal kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen verschiedenen Ultra-Gruppen. Ultras sind klar von Hooligans abzugrenzen, bei denen es vor allem um die gewalttätige Auseinandersetzung mit anderen Hooligan-Gruppen geht.

Und was ist mit den Ultras, die sich nicht für Menschenrechte und Fridays-for-Future engagieren?

Hier sehen wir, dass es leider wieder eine wachsende Ultra-Szene gibt, die sich gewaltorientierten Gruppen zuwendet. Bei denen geht es viel um Training im Fitnessstudio, teilweise auch um Kampfsport. Diese jungen Menschen sind besonders gefährdet, von rechten Gruppen eingefangen zu werden.

Und wie kann man gegen diese Strömungen vorgehen?

Da braucht es vor allem ein großes, gut funktionierendes Netzwerk. Natürlich kann man nicht erwarten, dass sich nur die Jugendlichen gegen Diskriminierung und Rassismus engagieren. Die Vereine und die Lokalpolitik sehe ich hier in der Verantwortung. Und auch die Polizei ist gefragt, deutlich gegen rechte Gruppierungen vorzugehen, wenn sie straffällig werden. Unsere Erfahrungen zeigen: Je besser ein Netzwerk vor Ort funktioniert, desto geringer ist die Gefahr, dass rechte Strömungen im Fußball Überhand nehmen. Außerdem gibt es viele gute Initiativen, die gegen Diskriminierung und Rassismus im Fußball kämpfen.

Was sind das für Initiativen?

Es gibt einige Projekte, die sich um die Interessen von Jugendlichen kümmern und im Bereich Anti-Diskriminierung aktiv sind, auch auf regionaler Ebene. Es gibt zum Beispiel die Initiative Fußballfans gegen Homophobie oder die Löwenfans gegen rechts von 1860 München, auch die Fanszenen aus St. Pauli und Babelsberg sind in diesen Bereichen sehr engagiert.

Ich finde es aber wünschenswert, eine bundesweite unabhängige Anlaufstelle zu schaffen, die sich um Vorfälle und Erscheinungsformen von Rassismus und Diskriminierung kümmert, die aber auch bereits existierende Projekte zusammenbringt. Hier fehlt die Vernetzung. Denn es gibt Opferberatungen im zivilgesellschaftlichen Bereich, denen teilweise die Kenntnisse aus der Sport- und Fußballwelt fehlen. Und umgekehrt scheuen sich die Verantwortlichen in den Vereinen oftmals, auf externe Institutionen und Beratungsstellen zuzugehen, weil sie meinen, sie müssten die Probleme im Fußball selbst lösen. Hier könnte man von den Kompetenzen der anderen profitieren.

Zur Person

Gerd Wagner wurde 1959 in Bückeburg bei Hannover geboren. Nach der Schule studierte er Politik und Geographie in Hannover und später Sport und Politik auf Lehramt in Marburg. Nach dem Studium arbeitet Wagner zunächst als PR-Berater in Frankfurt, später als Referent beim Deutschen Sportbund. 2004 kam er als Referent zur Koordinationsstelle Fanprojekt und ist seit 2002 hier der stellvertretender Leiter. Wagners Lieblingsverein ist Hannover 96.

(mk)

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