Digitales Frankreich

Rotwein, Käse und Glasfaser

05.09.2019 – Immer wieder heißt es, Deutschland komme beim Thema Digitalisierung nicht so recht voran. Wie sieht es im Nachbarland Frankreich aus? Cédric hat ein Jahr in Dijon studiert und durchaus Unterschiede bemerkt.
Café-Szene in Paris
Kartenzahlung möglich – das ist in Frankreich Standard. © shutterstock.com/Petr Kovalenko

Mit der Bankkarte in den Club

Auch wenn beide Länder den Euro haben, fallen die ersten Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen gleich an der Supermarktkasse auf. Während die Deutschen dort im Geldbeutel nach den passenden Münzen kramen, zückt man in Frankreich lieber die Karte. Die Deutschen hängen noch am Bargeld: Barzahlungen machen hierzulande noch knapp die Hälfte des Umsatzes für Waren und Dienstleistungen aus. Der Anteil an Kartenzahlungen steigt nur langsam. 

In Frankreich kommt es oft vor, dass die paar Euro für das Getränk in der Bar oder das Baguette beim Bäcker bargeldlos bezahlt werden. Während meiner Zeit in Frankreich wurde in der Cafeteria auf dem Campus Bargeld sogar komplett abgeschafft, sodass meine Kommilitonen und ich selbst für eine Tasse Filterkaffee für fünfzig Cent die Karte zückten. Eine richtige Bankkarte – und nicht die an deutschen Unis übliche aufladbare Guthaben-Karte für das Bezahlen in der Mensa.

Zurück in Deutschland fand ich mich dann öfter in Situationen, in denen ich einfach nicht bezahlen konnte, weil ich nicht genug Bargeld dabei hatte. 

Behördengang im Internet

Wer in Deutschland schon mal eine Steuererklärung online gemacht hat oder Kindergeld oder Bafög beantragt hat, weiß es: Entweder ist es kompliziert oder mit viel Papier verbunden. Um für meine kleine Wohnung im Zentrum von Dijon Wohngeld zu beantragen, musste ich mich einfach für eine knappe halbe Stunde vor den Computer setzen, der Antrag ließ sich problemlos online stellen. 

Genauso funktioniert es auch mit vielen anderen Behördengängen. Beglaubigte Kopien von Geburtsurkunden oder Führungszeugnisse können mit wenigen Klicks beantragt werden und liegen einige Tage später in der Post. In Frankreich gibt es ein Internetportal, das alle Behördendienste zusammenführt, damit man schnell das richtige Formular findet.

Ähnlich modern können Schülerinnen und Schüler ihre Noten auf einer Plattform einsehen. Die Lehrkräfte kontrollieren die Anwesenheit am Computer. Um den Lernfortschritt zu kontrollieren, setzen manche Lehrer auch Quizze ein, die die Klasse dann mit ihren eigenen Smartphones löst. An der Uni hingegen funktioniert noch vieles mit Papier – da ist man wiederum in Deutschland weiter.

Auch wenn Deutschland laut dem DESI, einem Index, der den Fortschritt aller europäischer Länder bei der Digitalisierung vergleicht, sogar etwas vor Frankreich liegt – in Sachen digitale Bürgerdienste belegen die Deutschen einen der letzten Plätze. Länder wie Finnland, Estland und die Niederlande führen die Liste in diesem Bereich an, und Frankreich liegt etwas über dem europäischen Durchschnitt.

Serien-Marathon auf Französisch

Beim Thema schnelles Internet kommt Deutschland auch nicht gut weg. Hier kann man zwar mit 200 Kilometern über die Autobahn fahren, auf der Daten-Autobahn geht es oft langsamer zu. Im Jahr 2017 waren hier nur 2,1 Prozent der Internetanschlüsse aus Glasfaser, mit der sich Daten besonders schnell übertragen lassen. 

In Frankreich ist die Verbindung in ländlichen Gebieten oft ähnlich langsam wie hier, aber sogar der Altbau, in dem ich wohnte, hatte einen Glasfaseranschluss. Größere Dateien herunterzuladen und Serien zu schauen war also nie ein Problem. Mit meiner sehr günstigen Daten-Flatrate hätte ich theoretisch sogar unterwegs weiterschauen können, ohne mir Sorgen um mein Datenvolumen machen zu müssen.

Alles in allem mag Deutschland laut DESI-Ranking zwar knapp vor Frankreich liegen, mein eigener Eindruck war aber, dass der Alltag dort oft schon wesentlich „digitalisierter“ abläuft als hier.

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