Experteninterview

"Im schlimmsten Fall droht ein Absturz"

23.05.2019 – Fotos schießen, Verunglückte suchen oder Pakete ausliefern - Drohnen können vieles. Thilo Vogt von der Deutschen Flugsicherung (DFS) über Systeme zur Ortung von Drohnen, Kollisionen und Lufttaxis.
Werden immer cooler, erfordern aber neue Regeln: Thilo Vogt weist auf die Chancen von Drohnen hin, warnt aber auch vor den Risiken. Foto: privat

Drohnen im Luftverkehr – Segen, weil sie Transport und Bildaufnahmen revolutionieren oder Fluch, weil die Risiken zunehmen?

Drohnen ermöglichen vollkommen neue Einsatzmöglichkeiten, die auch einen hohen gesellschaftlichen Nutzen haben. So haben wir zusammen mit der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft getestet, wie Drohnen bei der Suche nach Vermissten unterstützen können. Auch bei den Einsätzen von Feuerwehr- und Rettungskräften könnten Drohnen, die zu einer Unfallstelle vorausfliegen, wertvolle Informationen an die Einsatzkräfte weitergeben.

Auch Wartungsarbeiten von Trassen oder Windkraftanlagen können mit Drohnen viel schneller und effizienter durchgeführt werden. Im Zweifel muss sich kein Mitarbeiter mehr an einer Windkraftanlage abseilen oder kein lauter Hubschrauber Gastrassen abfliegen.

Aber egal welcher Einsatzzweck – Sicherheit für den Flugverkehr und für die Menschen am Boden steht immer an erster Stelle. Wir als Flugsicherung sehen ein sehr großes Potenzial in dieser neuen Technologie, sehen aber auch die potenziellen Risiken für die bemannte Luftfahrt. Unbemanntes Fliegen wird die traditionelle Luftfahrt mehr und mehr prägen und auch schon in naher Zukunft Realität werden. Ein Beispiel: die Entwicklung bei Lufttaxis.  

Welche Gefahren ergeben sich genau durch Drohnen für den Flugverkehr?

Wir betrachten Drohnen als neue Luftraumteilnehmer, die in das Gesamtsystem Luftverkehr integriert werden müssen – und das vor allem sicher und geordnet. Geschieht dies nicht, beispielsweise weil der Drohnensteuerer sich nicht über Verbotszonen für Drohnen informiert hat und sein Fluggerät aus Unwissenheit in einer Einflugschneise fliegen lässt, gefährdet das den bemannten Flugverkehr massiv.

Die Piloten melden unseren Fluglotsen, wenn sie eine Drohne gesichtet haben. Die Zahl dieser Meldungen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Allein 2018 haben wir 158 Drohnensichtungen an den 16 internationalen Flughäfen in Deutschland gezählt. Für den Flughafen bedeutet eine Drohnensichtung meist eine Unterbrechung des Flugbetriebs und damit ein wirtschaftlicher Schaden. Für ein Flugzeug oder einen Hubschrauber bedeutet eine Kollision mit einer Drohne im schlimmsten Fall ein Absturz.

Bestehen diese Gefahren bei allen Drohnen oder erst ab einer bestimmten Größe?

Wenn eine Drohne mit einem Verkehrsflugzeug oder Hubschrauber kollidiert, sind die Folgen kaum abzusehen, da kann auch eine kleine Spielzeugdrohne im schlimmsten Fall große Schäden anrichten. Schon wenn ein größerer Vogel, der ja viel weicher ist als eine Drohne, in eine Turbine gerät, kann das ein Flugzeug gefährden. Ein Gerät aus Metall und Plastik hat eine noch größere Wirkung. Ob groß oder klein, leicht oder schwer – Drohnen haben in Flughafennähe oder in Kontrollzonen nichts zu suchen, es sei denn, der Einsatz ist vorher mit unseren Fluglotsen abgesprochen.

Ende 2018 kam es auf dem Flughafen London-Gatwick zu massiven Störungen, nachdem eine Drohne in den dortigen Luftraum eingedrungen war. Sind solche Probleme auch in Deutschland zu erwarten?

Passieren kann ein Vorfall wie in Gatwick auf jedem Flughafen. Drohnen sind zu klein, als dass sie von unserem Radar erfasst werden können und senden auch nicht ihre Position, wie das Verkehrsflugzeuge tun. Momentan gibt es zudem an deutschen Flughäfen keine Infrastruktur, die eine Detektion oder Abwehr speziell von Drohnen ermöglicht. Wenn eine Drohne im Flughafenbereich gesichtet wird, rückt die Polizei aus und sucht den Steuerer, das ist aber meist aufgrund des großen Radius, der abgesucht werden muss, schwierig.

Wir vermuten, dass es den Drohnenpiloten in den meisten Fällen nicht bewusst ist, welche Auswirkungen es hat, wenn sie ihre Drohne in Flughafennähe fliegen lassen. Deshalb setzen wir auf größtmögliche Aufklärung, beispielsweise mithilfe der kostenfreien DFS-DrohnenApp.

Können Sie bitte beschreiben was passiert, wenn eine Drohne unerlaubt in den Luftraum eines deutschen Flughafens eindringt?

Wie bereits erwähnt, können wir Drohnen aufgrund ihrer kleinen Größe nicht orten. Wir bemerken sie also erst, wenn sie von den Tower-Lotsen oder den Piloten gesichtet werden. Ist dies der Fall, gibt es festgelegte Meldewege. Letztendlich ist es dann Aufgabe der Polizei, den Steuerer zu fassen. Je nachdem in welcher Höhe, an welcher Position und von wie vielen Piloten die Drohne gesichtet wird, entscheiden die Fluglotsen dann, ob der Flugbetrieb kurzzeitig eingestellt wird – so geschehen erst Ende März am Frankfurter Flughafen. 

Reichen die aktuellen gesetzlichen Regelungen aus, um Gefahren zu begegnen? Was müsste gegebenenfalls geändert werden?

Es gibt momentan keine Registrierungspflicht für Drohnen, ebenso müssen Steuerer auch erst ab einem Gewicht von 2 Kilogramm einen Kenntnisnachweis erwerben. Die DFS fordert seit jeher eine offizielle Registrierung von Drohnen, die über eine reine Kennzeichnungspflicht durch eine Plakette mit Namen und Anschrift des Besitzers hinausgeht.

Wichtig wäre außerdem, dass alle Drohnen, die im Luftraum unterwegs sind, auch erkannt werden. Die DFS hat dazu vor einiger Zeit ein Forschungsprojekt mit der Deutschen Telekom gestartet, bei dem wir das Mobilfunknetz nutzen wollen, um Drohnen zu orten. Diese wären dann mit einer Art LTE-Transponder ausgestattet, um ihre Position festzustellen. Um alle diese Daten auszutauschen und zur Verfügung stellen zu können, ist eine digitale Plattform nötig, auf die alle Beteiligten Zugriff haben – wie die Flughäfen, Airlines, DFS und die Bundes- und Landespolizei. Auch lokale Systeme zur Ortung von Drohnen, sogenannte Drohnendetektionssysteme, können über eine Schnittstelle angebunden werden. Daran arbeiten wir zusammen mit unterschiedlichen Partnern.

Drohnen übernehmen immer mehr Aufgaben, sie sollen zum Beispiel auch Pakete ausliefern. Ist das in Deutschland gesetzlich möglich?

Die meisten solcher Drohneneinsätze – ob Pakete ausliefern oder nach Vermissten suchen – geschehen außerhalb der Sichtweite des Steuerers. Das heißt, der Pilot hat keinen direkten Blickkontakt zu seinem Fluggerät und steuert die Drohne per GPS oder mit einer am Gerät befestigten Kamera. Diese Einsätze sind in Deutschland gesetzlich zwar möglich, aber mit enormem Genehmigungsaufwand verbunden. Eine Drohne rein automatisiert zu steuern, birgt diverse Risiken und ist auch operatives und technisches Neuland, für Behörden und Flugsicherung gleichermaßen.

Um Drohnen sicher in den Luftraum zu integrieren und eben solche Einsätze außerhalb der Sichtweite zu ermöglichen, arbeiten wir an einem UAS Traffic Management System (UAS, Unmanned Aircraft Systems). Davon versprechen wir uns, Drohnenmissionen von Behörden wie Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften als auch für kommerzielle Zwecke effizient und sicher abwickeln zu können. Deswegen haben DFS und Deutsche Telekom kürzlich ein Gemeinschaftsunternehmen namens Droniq gegründet, das diesen Service ab Sommer dieses Jahres anbieten wird.

Über Thilo Vogt:

Thilo Vogt arbeitet seit zehn Jahren bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Langen bei Frankfurt. Die DFS ist eine staatliche Agentur, die für alle Belange im Luftraum zuständig ist. Thilo Vogt ist bei der DFS im Bereich „Unmanned Traffic Management Solutions“ angestellt, also im Bereich der unbemannten Luftfahrzeuge. Unter seiner Leitung wurde dieser Bereich 2017 ganz neu gegründet. Thilo Vogt arbeitet unter anderem daran, Drohnen mit dem Mobilfunknetz orten zu können, damit sie in Zukunft auch außerhalb des Sichtfeldes zuverlässig gesteuert werden können.

(DBT/tl)

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