Erklär-Profi

Astrophysik mit Nervenkitzel

13.03.2020 – Der YouTube-Kanal „Kurzgesagt“ packt komplizierte Themen in illustrierte Kurz-Videos. Redaktionsleiterin Elisabeth erklärt, warum sich Wissenschaft so besonders gut vermitteln lässt – besonders für die, denen das sonst „zu anstrengend“ wäre.
Portrait Elisabeth Steif.
„Wir sind der Meinung, dass komplexe wissenschaftliche Themen immer auch Spaß machen sollen“, sagt Elisabeth. „Es muss nicht immer alles so verkopft sein.“ © Kurzgesagt

„Kurzgesagt“ will komplexe Themen schnell und einfach in Videoform erklären. Wie geht das? 

Natürlich ist es eine Herausforderung, schwierige Fragen auf eine einfache Art zu beantworten. Wir denken aber, dass es kein Widerspruch sein muss. Wir versuchen immer, eine Geschichte zu erzählen. Unsere animierten Videos haben eine bunte, verspielte Optik und machen komplizierte Themen etwas weniger hart. Durch die Animationen haben wir auch die Möglichkeit, Dinge vereinfacht darzustellen oder eigene Metaphern zu finden.

Warum eignen sich animierte Videos eurer Meinung nach besonders dafür, wissenschaftliche Themen zu vermitteln?

Videos haben oft den Ruf, oberflächlich zu sein. Die kindliche Optik unserer Erklärfilme mag das noch verstärken. Aber das führt dazu, dass sich Leute mit Themen beschäftigen, von denen sie sonst sagen würden: „Das ist mir zu hoch, zu trocken oder zu anstrengend.“

Wie kam es zu dem Kanal?

„Kurzgesagt“ gibt es seit 2013. Philipp, unser Gründer, hat Kommunikationsdesign studiert. Zu der Zeit gab es in Amerika einen Aufschwung von Wissenschaftskanälen auf YouTube, die Philipp sehr begeistert geschaut hat. Weil er sich während des Studiums für Infografik interessierte, hat er für seine Bachelorarbeit ein Video zur Evolution gemacht - das war unser erstes Video. Weil er keine Lust hatte, in einer großen Agentur zu arbeiten, hat er versucht, einen eigenen Kanal aufzubauen. Das war sehr erfolgreich und mittlerweile ist „Kurzgesagt“ zu einer Firma mit über 30 Mitarbeitern gewachsen.

Warum sind die lustig animierten Videos deiner Meinung nach so erfolgreich?

Ich glaube, es liegt am authentischen Interesse für das Medium und für diese Art von Wissensvermittlung. Man kann nicht beschließen, erfolgreich sein zu wollen und deshalb eine bestimmte Art von Inhalten zu machen. Es muss andersherum funktionieren.

Auf „Kurzgesagt“ gibt es Videos über Cannabis, das Weltall und den Sinn des Lebens. Wie wählt ihr eure Themen aus?

Das hat mit Philipps persönlichen Interessen angefangen und sich dann schnell in ein breites Themenfeld aufgegabelt. Wir haben zum Beispiel schon mehrere Videos zum Thema Fleisch gemacht. Das war ursprünglich als ein Video geplant. Wir haben aber schnell gemerkt, dass es sinnvoller ist, das Thema auf mehrere Videos aufzuteilen, um den einzelnen Aspekten besser gerecht zu werden. Manchmal ergeben sich auch wichtige gesellschaftliche oder technologische Entwicklungen, wie zum Beispiel bei CRISPR. Wir haben also eine bis ins Unendliche reichende To-Do Liste, die sich konstant aus den Themen, die wir schon bearbeitet haben, weiterentwickelt.

Wie entstehen denn die Filme?

Es beginnt immer mit der Themenidee. Dann geht die Recherche los. Wir sprechen uns dabei eng mit verschiedenen Wissenschaftlern ab und so entsteht nach und nach das Skript. Dann werden die einzelnen Szenen illustriert, vertont und schließlich animiert. Für jedes Video wird auch eigene Musik komponiert. Wir arbeiten immer an mehreren Filmen gleichzeitig und so dauert es zwischen zwei und drei Monaten, bis einer fertig ist. Es gibt auch ein Video auf unserem Kanal, das ganz gut erklärt, wie wir arbeiten.

Ist es ein Problem, dass viele Menschen ihre Informationen hauptsächlich über YouTube oder andere soziale Netzwerke beziehen?

Wir merken, wie verärgert die Leute sind, wenn sie bei einem kontroversen Thema anderer Meinung sind. Auf der anderen Seite freuen sich viele über Videos zu Themen wie Fleisch, Milch oder Impfungen. Wir bekommen dann Nachrichten, in denen Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten, berichten, dass sie Schwierigkeiten haben, anderen zu vermitteln, was sie machen. Die sagen dann: „Hey Danke, jetzt kann ich einfach auf dieses Video verweisen. Wenn man es sich auf YouTube anschauen kann, dann glauben es die Leute eher, als wenn ich als Fachperson es sage.“ Wir sind uns also – manchmal auch mit einem leichten Gruseln – bewusst, wie viel Verantwortung wir oder andere Wissenschaftskanäle tragen.

Wie geht ihr mit dieser Verantwortung um?

Die Zeiten, in denen man blind glauben kann, was in der Zeitung steht, sind vorbei. Entweder man müsste sehr viel Zeit und Aufwand investieren, um sich in ein Thema einzuarbeiten, oder man braucht Quellen, die alles einordnen und einen größeren Kontext herstellen. Dann hat man die Chance, das ganze Kleinklein der täglichen Nachrichten einordnen zu können. Dabei muss man sich auch bewusst sein, dass jemand wie wir eine Auswahl betreibt. Wir versuchen das bewusst und mit Bedacht so zu tun, dass wir das für vertretbar halten.

Eure Videos tragen Titel wie „Was passiert, wenn man alle Atombomben auf einmal zündet?“ oder „Was passiert, wenn ein winziges schwarzes Loch neben dir auftaucht?“. Sind solche Fragen relevant oder ist das nicht einfach nur Clickbait?

Natürlich müssen wir Wege finden, nicht in der Masse unterzugehen. Wir sind aber auch der Meinung, dass komplexe wissenschaftliche Themen immer auch Spaß machen sollen. Es muss nicht immer alles so verkopft sein. Es ist auch in Ordnung, wenn mal ein Gag dabei ist. Wir finden es toll, wenn auch ein bisschen Nervenkitzel dabei ist, obwohl es um Astrophysik geht.

Über Elisabeth Steib

Elisabeth Steib, geboren und aufgewachsen in Ingolstadt, ist studierte Kommunikationsdesignerin. Schon während des Studiums interessierte sie sich mindestens genauso sehr für die inhaltliche Seite eines Projekts wie für Layout und Gestaltung. Nach erster Arbeitserfahrung in der Werbebranche stieß sie 2016 als Researcher und Scriptwriter zu „Kurzgesagt“. Inzwischen leitet sie die Redaktion als Head of Research und Text.

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