Azubis mischen mit

„Hey, eine Chance zu diskutieren!“

08.07.2020 – Vanessa und Andreas haben der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung“ erzählt, was ihnen für ihre berufliche Entwicklung wichtig ist. Online auf der Plattform „Zukunftsdialog Ausbildung“ und live in einer Sitzung.
Junge Frau und junger Mann bei einer Video-Konferenz
Das mitmischen.de-Interview fand ebenso wie die Sitzung der Enquete-Kommission per Video-Konferenz statt. © mitmischen.de

Warum habt ihr am „Zukunftsdialog Ausbildung“ teilgenommen?

Vanessa: Eine Kollegin aus der Berufsschule hat mich darauf aufmerksam gemacht. Und da das ganze Thema mich sehr interessiert und ich mich einbringen wollte, habe ich mich angemeldet.

Andreas: Ich bin auf Social Media darauf gestoßen und habe gedacht: Hey, hier gibt’s eine Chance zum diskutieren! Also habe ich angefangen, meine Meinung in Beiträgen aufzuschreiben.

Welche Aspekte des Themas „Ausbildung in der digitalen Arbeitswelt“ sind euch besonders wichtig?

Vanessa: Ich finde das Thema Berufsorientierung spannend. Deshalb würde ich mir auch mehr Praktika in der Schulzeit wünschen. Je mehr Berufsoptionen man kennt, desto leichter kann man sich entscheiden.

Ich hätte es als Schülerin zum Beispiel cool gefunden, wenn es zu jedem Beruf kurze Fünf-Minuten-Videos gegeben hätte, in denen man eine Vorstellung davon bekommt, wie der Berufsalltag aussieht, welche verschiedenen Aufgaben darin stecken. Klar, wir haben ein dickes Buch von der Agentur für Arbeit bekommen, in dem die Tätigkeiten in verschiedenen Berufen aufgelistet sind. Aber das liest sich doch kein Achtklässler komplett durch.  

Andreas: Mir ist vor allem das Thema Digitalisierung an Schulen wichtig. Es gibt so viele Schulen, die da hinterherhinken.

Wie erlebt ihr die Digitalisierung in eurem Ausbildungsalltag?

Andreas: An unserer Berufsschule gibt es ein Gebäude, das richtig High-Tech ist. Meine Klasse lernt darin, weil wir als Kaufleute für E-Commerce ja auch mit moderner Technik arbeiten müssen. Wenn wir aber mal in das Gebäude nebenan gehen, wo die Einzelfachhändler sind, dann stehen da PCs aus den Anfängen der 2000er-Jahren drin. Damit kann man nicht zeitgemäß arbeiten.

Auch in der Corona-Zeit hat man gesehen, wie viele Schüler und Auszubildende es gibt, die einfach nicht mithalten konnten, weil sie zuhause technisch nicht entsprechend ausgestattet waren und die Kommunikation chaotisch ablief. Die Schulen waren teilweise komplett überfordert mit der Situation. Das kann so nicht weitergehen.

Vanessa: Ich arbeite in meiner Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement eigentlich ständig mit dem Computer. Wir haben an der Berufsschule aber nicht genügend PCs, deshalb müssen wir uns oft welche teilen. Das ist natürlich total blöd, wenn ich nur neben meiner Partnerin sitze und nichts selbst machen kann. Wenn man etwas nicht selbst macht, lernt man es ja viel schwerer.

Fühlt ihr euch gut gewappnet für die digitale Arbeitswelt?

Vanessa: Ich merke den digitalen Wandel in meiner Ausbildung eigentlich überhaupt nicht. Wir lernen ein bisschen Word und Excel, aber das war’s auch schon.

Andreas: Wir lernen in der Ausbildung gar nichts über Programme – das Basiswissen wird bei meinem Beruf vorausgesetzt. Bei uns geht es eher darum, hinter die Kulissen zu schauen: Was steckt hinter einer Plattform? Wie funktioniert ein Online-Shop? Wie kann man sowas aufbauen? In dem Bereich fühle ich mich schon gut vorbereitet.

Meine Schule ist auf einem guten Weg, auch wenn es meinen Ausbildungsberuf erst seit 2018 gibt.

Welche konkreten Wünsche oder Vorschläge habt ihr an die Politik?

Vanessa: Ich würde mir wünschen, dass staatliche Schulen besser ausgestattet werden. Eine Freundin von mir ist auf einer privaten Schule, und der Unterschied ist riesig. Klar haben die ganz andere Mittel. Aber ein bisschen mehr Ausgeglichenheit wäre schön.

Andreas: Die Schüler sollten früher und besser an Berufe herangeführt werden, damit es keine Fehlentscheidungen bei der Ausbildungswahl gibt. Es ist wichtig, dass Schüler wirklich in Berufe reinschnuppern und aus erster Hand etwas lernen können.

Man lernt in der Schule so viel Unnötiges und so wenig über den Alltag in der Ausbildung: Wie mache ich die Steuer? Worauf muss ich bei einem Vertrag achten? Da wird man einfach so reingeworfen. Darauf sollte die Schule uns besser vorbereiten.

Wie habt ihr es erlebt, an der Sitzung einer Enquete-Kommission des Bundestages live teilzunehmen?

Andreas: Klasse. Für mich war das eine super Chance, Themen, die mir wichtig sind, zur Sprache zu bringen. Ich würde das jederzeit wieder machen.

Vanessa: Mir hat es auch sehr gefallen. Die Zeitbeschränkung bei den Redebeiträgen hat mich allerdings manchmal etwas verunsichert. Wenn die Stoppuhr läuft, kann man nicht in Ruhe nachdenken, bevor man antwortet – und dann kommt schon gleich die nächste Frage. Aber das war schon eine spannende Erfahrung.

Andreas: Es war auf jeden Fall cool, dass die Abgeordneten uns zugehört haben. Ob und wie sie etwas daraus machen, das werden wir dann sehen. Ich hoffe auf jeden Fall, dass sie viele unserer Anregungen übernehmen.

Über Andreas und Vanessa

Andreas (22) macht in Niedersachsen ein Einstiegsqualifizierungsjahr zum Kaufmann im E-Commerce. Vanessa (20) wird in Sachsen Kauffrau für Büromanagement.

(jk)

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