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US-Wahl "Das ist einfach nur verrückt"

Laura Heyer

Daphne (17) hat noch bis vor kurzem durch ein Stipendium des Bundestages in den USA gelebt. Warum die Wahl zu Ärger in ihrer Familie führt und wie sie den Auszählungs-Krimi erlebt, berichtet sie für mitmischen.de.

Junge Frau vor US-Flagge

Als Stipendiatin des Bundestages war Daphne auch im Kapitol in Washington. Dort besuchte sie das Büro von Bernie Sanders, einer der Kandidaten der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl.©privat

Ich lese seit Beginn der US-Präsidentschafts-Wahl quasi jede Stunde die Nachrichten, weil ich so aufgeregt bin. Sogar in meiner Schule wurde im Unterricht und auch in den Pausen über die Wahl geredet. Die ganze Welt fiebert mit.

Und ich hoffe so sehr, dass der demokratische Herausforderer Joe Biden siegt. Wie meine amerikanische Freundin sagt: „The future of the country is at risk” („Die Zukunft des Landes ist in Gefahr”). Wir werden sehen, ob sich die Amerikaner selbst gerettet haben oder ob es jetzt in die zweite Runde geht …

Die Wahl macht alle verrückt

Warum mich die Wahl interessiert? Ich habe als Stipendiatin des 36. Parlamentarischen Patenschafts-Programms selbst sieben Monate in den USA verbracht. Bis März dieses Jahres lebte ich in dem kleinen Bundesstaat Vermont, bin dort auf die High School gegangen und habe bei einer Gastfamilie gewohnt. Jetzt bin ich 17 Jahre alt und gehe in die 12. Klasse.

Schon während meiner Zeit in den USA war die Wahl ein großes Thema und der Wahlkampf in vollem Gange. Das hatte ich noch nie erlebt, immerhin ist das politische System in Deutschland ein komplett anderes. Hier geht es bei keiner Wahl so aufbrausend zu wie aktuell in den USA. Die Amerikaner werden regelrecht verrückt. Noch deutlicher haben mir das meine amerikanischen Freundinnen und Freunde beschrieben.

Beziehungen und Freundschaften zerbrechen

Sie erzählten von Mitarbeitern in Wahllokalen, die Morddrohungen erhalten hätten. Außerdem rechnen alle mit extremen nationalen Unruhen nach der Wahl. Überall wurde an die amerikanischen Staatsbürger appelliert, dieses Jahr auf jeden Fall wählen zu gehen.

Die meisten, die eine höhere Wahlbeteiligung erreichen wollen, hoffen darauf, dass der republikanische Amtsinhaber Donald Trump verliert. Denn das Ergebnis entscheidet nicht nur über die Zukunft der Nation, sondern wird auch über die Landesgrenzen hinaus gravierende Auswirkungen haben, zum Beispiel, wenn es um die Klimapolitik geht.

Die Bevölkerung ist, was Trump angeht, extrem gespalten. Beziehungen und Freundschaften zerbrechen daran. Ich muss zugeben, dass ich persönlich auch eine Abneigung den Menschen gegenüber verspüre, die Trump unterstützen. Eigentlich ist das eine intolerante Haltung, ich weiß. Doch ich finde, dass Trumps Aussagen und viele seiner Verhaltensweisen inakzeptabel sind. Zum Beispiel wie er sich über Frauen geäußert hat oder dass er nie eine Maske zum Schutz vor Covid-19 trägt.

Ärger mit der Tante

Aber auch meine Familie ist gespalten: Ich habe selbst eine Tante, die seit Jahrzehnten in den USA lebt und Trump mit Leib und Seele unterstützt. Daran sehe ich, dass eine Beziehung zweier Menschen möglich ist, auch wenn sie von Grund auf verschiedene Meinungen haben. Natürlich liebe ich meine Tante trotz ihrer politischen "Geschmacksverirrung", doch wenn sie versucht, mir ihre Position zu erklären, verstehe ich trotzdem null. Aber das muss ich akzeptieren.

Doch andere können das nicht. Es steht jetzt schon fest, dass viele Amerikaner den Ausgang der Wahl nicht akzeptieren werden. Oder das Ergebnis als Wahlbetrug abstempeln, wie Trump selbst es tut, obwohl es dafür keine Belege gibt. Das hinterlässt mich fassungslos. Ich habe gehört, dass einige Unternehmen in größeren Städten sogar ihre Fenster mit Brettern vernagelten, weil sie Angst vor Angriffen von wütenden Bürgern haben.

Sind wir Neandertaler?

Dass so etwas im 21. Jahrhundert noch nötig ist, finde ich wahnsinnig. So als wären wir Neandertaler, die außer der Gewalt keine Lösung kennen und es als einziges Ventil für ihre Wut sehen. Doch viel mehr Angst macht mir, dass diese Sorgen scheinbar berechtigt sind. Es gibt sogar Bürger, die aus Angst vor gewaltsamen Protesten ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen wollen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich froh bin, momentan nicht mehr in den USA zu leben. So etwas möchte ich auf keinen Fall miterleben. Einer potenziellen Gefahr und einem Irrsinn ausgesetzt zu sein, und das nur wegen einer demokratischen Wahl, das ist einfach nur verrückt.

Viele sind vernünftig

Ich weiß, dass viele Deutsche denken, Amerikaner seien dumm. Und aktuelle Ereignisse mögen dies bestärken. Doch selbstverständlich gibt es auch unzählige Amerikaner, die vernünftig sind und rational denken und handeln. Auf die Stimmen dieser Menschen hoffe ich bei dieser Wahl.

Viele Demokraten verabscheuen Trump und haben Angst davor, was passiert, wenn er erneut gewählt wird. Sie denken, das Land werde extrem darunter leiden, vielleicht sogar daran zerbrechen. Ich zähle mich zu ihnen. Nur Joe Biden bietet den Amerikanern eine Zukunft. Ich persönlich würde ihn wählen.

Denn meine persönlichen Grundwerte stimmen eher mit denen der Demokraten überein. Ich bin zum Beispiel für das Recht auf Abtreibung, umfassende Klimaschutzmaßnahmen und generell für mehr Diversität und Toleranz gegenüber allen Kulturen, ethnischen Gruppen, sexuellen Orientierungen und Religionen. Ich glaube, dass es nur unter dem Demokraten Biden möglich ist, dass das Land in Zukunft nach diesen Werten lebt.

Unsere Autorin

Daphne (17) ist Schülern und geht in die 12. Klasse. Sie war Teilnehmerin des 36. Parlamentarischen Patenschafts-Programms des Deutschen Bundestages und des US-Kongresses. Schüler und junge Berufstätige aus Deutschland und den USA können damit das jeweils andere Land kennenlernen. Daphne hat sieben Monate in Vermont gelebt – aufgrund der Corona-Krise musste sie schon im März wieder nach Deutschland zurückkommen.

Zur Person

mitmischen-Autorin

Laura Heyer

hat in Heidelberg Geschichte studiert, in Berlin eine Ausbildung zur Journalistin gemacht und ist dann für ihre erste Stelle als Redakteurin nach Hamburg gegangen. Dort knüpft sie nun Netzwerke für Frauen. Aber egal wo sie wohnt – sie kennt immer die besten Plätze zum Frühstücken.

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