Bundestags-Stipendiat

„Die Transparenz der deutschen Politik hat mich beeindruckt“

04.10.2022 – Abdo kommt aus dem Jemen. Mit dem Internationalen Parlaments-Stipendium war er vier Wochen im Bundestag. Seitdem kann er sich vorstellen, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter dort zu arbeiten.
Junger Mann vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus
Plenardebatten live mitzuerleben, fand Abdo besonders spannend. © DBT/Julia Karnahl

Internationales Parlaments-Stipendium (IPS)

Jedes Jahr lädt der Deutsche Bundestag junge Hochschulabsolventen aus anderen Ländern ein, hinter die Kulissen des deutschen Parlaments zu schauen. Für arabische Staaten gibt es ein extra Programm. Details findet ihr auf der IPS-Seite des Bundestages.

Du hast vier Wochen lang beim Internationalen Parlaments-Stipendium für arabische Staaten Einblicke in den deutschen Parlamentarismus erhalten. Was nimmst du mit nach Hause?

Was mich sehr beeindruckt hat, ist die Transparenz der deutschen Politik. Dass man als Bürger alles live miterleben, sogar im Plenarsaal dabei sein kann, finde ich toll. Im Jemen gibt es das nicht, da darf man als normaler Mensch das Parlament nicht besuchen, wenn es tagt.

Wie hast du die Debattenkultur im Parlament erlebt?

Das war für mich echt spannend, Plenardebatten mitzuerleben, die Politiker live zu sehen. Ich fand es bemerkenswert, dass Opposition und Regierung sich zwar gegenseitig kritisieren, aber trotzdem einen kollegialen Umgang miteinander haben. Die Unionsfraktion zum Beispiel kritisiert die Regierung aktuell wegen der Gasumlage. Aber gleichzeitig gesteht sie zu, dass die Zeiten schwierig sind, eben auch für die Regierenden.

Gab es etwas im deutschen Politikbetrieb, das dich überrascht hat?

Es hat mich sehr überrascht, dass die Politiker so freundlich miteinander sind. Ich hätte gedacht, dass man Beschimpfungen oder sogar Bedrohungen hört, aber so etwas habe ich überhaupt nicht erlebt. Das war für mich eine wertvolle Erfahrung.

Zuletzt hast du eine Woche lang im Büro des Abgeordneten Christian Haase (CDU/CSU) mitgearbeitet. Was waren deine Aufgaben?  

Das war eine sehr intensive Woche. Ich habe zum Beispiel auf Briefe geantwortet, die Bürger an Herrn Haase geschrieben hatten. Die Büro-Mitarbeiter haben meine Antworten danach gelesen und mir erklärt, was gut war und was ich noch mal ändern muss. Das hat viel Spaß gemacht.

Dann habe ich für seinen Newsletter eine Seite über mich und das Praktikum geschrieben. Ich habe auch zu Themen wie Gasumlage und Energiepolitik recherchiert.

Ich habe mir Plenardebatten angehört, an denen Herr Haase beteiligt war, und ihn in den Haushaltsausschuss begleitet. Dort habe ich miterlebt, wie sie über Milliarden diskutieren und letztlich entscheiden. Ich habe gemerkt, wie wichtig der Haushaltsausschuss ist. Dort werden auch Fragen besprochen, die die Außenpolitik betreffen, welche Programme weitergeführt und welche gestrichen werden zum Beispiel, das hat mich besonders interessiert. 

Es hat mich sehr beeindruckt, wie offen Herr Haase mit mir gesprochen hat. Obwohl er Abgeordneter ist und ich ein Praktikant, habe ich keine Distanz gespürt, er hat mit mir geredet wie mit einem richtigen Mitarbeiter. Er hat mich nach meiner Meinung gefragt und mir zugehört.

Einmal habe ich Herrn Haase auch auf einen externen Termin begleitet. Wir waren in einer Textilreinigung in Berlin. Dort hat Herr Haase mit dem Geschäftsführer gesprochen. Es ging um die Gas-Krise. Die Betriebe haben riesengroße Angst, wie es weitergeht. Das Unternehmen arbeitet für Krankenhäuser und Hotels, die natürlich auch von der Krise betroffen sind. Auch das war ein spannender Einblick für mich.

Du sprichst sehr gut Deutsch – wo hast du die Sprache gelernt?

Ich habe im Jemen Germanistik studiert. Eigentlich wollte ich für die GIZ arbeiten, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Sie setzt Entwicklungsprojekte um, die hätte ich gerne als Dolmetscher begleitet. Aber dann ist der Krieg im Jemen ausgebrochen, und die GIZ hat ihre Arbeit dort eingestellt. Deshalb bin ich mit dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst DAAD nach Deutschland gekommen, um hier weiter zu studieren. Später habe ich einen Asylantrag gestellt und genehmigt bekommen.

In Hamburg habe ich dann angefangen, deutsche Sprache und Literatur im Nebenfach, Islamwissenschaft im Hauptfach zu studieren. Während des Studiums habe ich erst bei der Deutschen Presse Agentur im Bereich Auslandsdienste als Journalist gearbeitet, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Forschungsgruppe des Instituts für jüdische Philosophie und Religion.  

Wie geht es bei dir jetzt weiter? Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Ich werde zuerst meinen Master fertig machen. Danach würde ich sehr gerne in Richtung Politik gehen. Ich könnte mir gut vorstellen, als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag zu arbeiten, vielleicht auch für die Wissenschaftlichen Dienste. Wenn das nicht klappt, wäre auch eine Uni oder ein Forschungsinstitut interessant. Irgendwann würde ich auch gerne meinen Doktor machen.

Zur Person

Abdo Dohaim, 31, kommt aus dem Jemen. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er hat in Sanaa im Jemen Germanistik und später Islam- und Literaturwissenschaft in Hamburg studiert. Derzeit arbeitet er als Sozialberater für das Bundesprogramm „Respekt Coaches“ beim Paritätischen Gesamtverband Cuxhaven.

(jk)

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