EX-MITMISCHEN-AUTORIN

„Kein Job, bei dem sich Routine einstellt“

26.08.2022 – Wer gerne schreibt und sich für Politik interessiert, kann bei mitmischen.de mitmachen. Jugendliche aus ganz Deutschland haben hier ihre ersten Texte veröffentlicht. Was machen sie heute? Wir haben einige aufgespürt. Heute: Aline Abboud, Nachrichten-Journalistin und Moderatorin.
Aline Abboud am Schreibtisch, im Hintergrund ein Fernseher-Studio
„Ich wollte schon früh zum Fernsehen“, sagt Aline Abboud. Bei mitmischen.de hat sie ihre ersten Videos produziert, heute ist sie bei den Tagesthemen. © Hendrik Lüders

Erinnerst du dich noch an einige Beiträge für mitmischen.de?

Klar. Mir haben immer die Video-Beiträge am meisten Spaß gemacht. Ich wollte schon früh zum Fernsehen, weil ich ein sehr visueller Mensch bin und finde, man kann mit Bildern vieles besser erklären; da transportiert sich einfach mehr als nur über Sprache.

Die mitmischen-Videos waren eine tolle Übung. Ich war als Redakteurin und Reporterin unterwegs, ein VJ hat gedreht und dann haben wir das Material gemeinsam geschnitten. Einmal haben wir zum Beispiel eine Video-Reportage gedreht über das Fraunhofer-Institut, das damals zerrissene Stasi-Akten virtuell rekonstruiert hat. Sehr spannend.

Gesetzgebung, Ausschüsse, Regierungsbefragung… Im Bundestag ist vieles kompliziert und komplex. Wie hast du das bewältigt?

Ich habe ein Volontariat im Bundestag gemacht und musste mich schon für das Bewerbungsgespräch ein bisschen einlesen. Der Rest war dann im Prinzip Learning by Doing. Das ist übrigens heute immer noch so: Es kommen immer neue Themen und neue Aufgaben dazu, auf die man sich einstellen muss. Das ist ein ständiger Lernprozess. Klar macht man auch mal Fehler. Das tut weh, weil man dann kritisiert wird, aber das gehört dazu.

Wie ging es für dich später beruflich weiter?

Ich habe mich schon während des Volontariats bundesweit als Journalistin beworben. Ich hatte schon eine Zusage eines Landesstudios, aber dann rief auch das ZDF-Studio in Mainz an. Die hatten über fünf Ecken meine Bewerbung in die Hände bekommen. Ich wollte eigentlich gar nicht weg aus Berlin, dachte aber: Gut, dann fahre ich da eben mal hin. Ich wusste da noch nicht, worum es geht. Erst dort wurde mir eröffnet, dass es um ein Casting für die Kurznachrichten-Sendung heute Xpress ging. Da ich gar keine Moderationserfahrung hatte, habe ich im Leben nicht damit gerechnet, dass die mich nehmen. Aber sie haben mich genommen. Und dann bin ich fünf Jahre beim ZDF geblieben.

Übrigens habe ich zwischen Volontariat und ZDF-Anstellung noch ein paar Monate für eine Produktionsfirma gearbeitet, die damals Dunja Hayalis Talk-Sendung fürs ZDF produziert hat, "Donnerstalk". Die Produzentin kannte ich aus einem Workshop, den ich ihm Rahmen meines Volontariats besucht hatte.

Und was machst du heute?  

Letztes Jahr im Sommer wurde ich von der ARD-aktuell Chefredaktion angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, die Dritte im Bunde bei den Tagesthemen zu werden. Ich war sehr überrascht, musste dann aber nicht lange überlegen, um das Angebot anzunehmen.

Das ist ja ein einigermaßen spektakulärer Job. Erzähl mal, wie dein Alltag aussieht!

Das klingt natürlich sicher sehr glamourös. Und es ist auch wahnsinnig spannend, weil ich jeden Tag etwas Neues dazulerne. Jeder Tag bietet neue Nachrichten. Aber am Ende des Tages bin ich dann auch wirklich müde. Meine Arbeitstage haben oft elf oder zwölf Stunden.

Morgens fängt es ganz klassisch mit einer Konferenz an. Da besprechen wir den vorläufigen Plan für die Sendung am Abend: Beiträge, mögliche Interviewpartner und so weiter. Im Laufe des Tages kann sich dann aber noch viel entwickeln, so dass wir immer flexibel bleiben müssen.

Nach der Konferenz fange ich an, mich in die Themen einzulesen und mich auf die Sendung vorzubereiten. Ich schreibe die Interviewfragen und führe die Interviews oft auch schon vor der Sendung, weil die ja relativ spät am Abend läuft. Nachmittags gibt es noch eine Sitzung, in der wir schauen, was sich über den Tag noch geändert hat. Zusätzlich gibt es eine Grafik-Sitzung, in der wir gemeinsam überlegen, welche Bilder im Hintergrund zu sehen sein sollen.

Und dann ist abends Showtime – und wir sind live auf Sendung im Ersten. Dann heißt es in der Maske sein Arbeitsgesicht, wie ich gerne sage, aufzulegen und sich noch mal hochzufahren nach dem langen Tag. Besonders die Interviews sind aufregend – und auch immer ein Stück weit unberechenbar. Da ist viel Spontanität und Improvisationstalent gefragt. 

Das klingt wirklich ebenso aufregend wie stressig…  

Jeder Tag ist anders. Jeden Tag gibt es neue Nachrichten. Im Moment ist natürlich der Krieg in der Ukraine ein Dauerthema – aber auch da gibt es jeden Tag neue Entwicklungen, neue Aspekte. Insofern ist das wirklich kein Job, bei dem sich irgendwann Routine einstellt.

Es kann belastend sein, jeden Tag mit diesen oft schrecklichen Nachrichten konfrontiert zu sein. Gerade zu Beginn des Ukraine-Krieges haben mich viele Leute gefragt: „Wie schaffst du es, abzuschalten?“ Aber ich kann gar nicht abschalten, weil es mein Job ist, diese Nachrichten zu präsentieren, immer informiert zu sein.

Natürlich haben wir eine hohe Verantwortung, weil wir entscheiden, was wir senden. Das ist aber auch oft schwierig: Es gibt Themen, über die man am liebsten jeden Tag berichten würde, weil man sie wichtig findet, aber manchmal kann man das nicht. Entweder weil man keinen Reporter vor Ort hat, der Bilder liefert, oder weil die Sendezeit einfach begrenzt ist. 

Trotzdem ist es toll und ein Privileg, eine Art Sprachrohr ist für die Zuschauerinnen und Zuschauer zu sein. Man hat die Möglichkeit, ihnen Nachrichten nahezubringen, zu erklären, Hintergründe und neue Perspektiven zu zeigen. Mein eigenes Allgemeinwissen hat sich dadurch enorm vergrößert.  

Hast du einen guten Rat für junge Leute, die sich für Journalismus interessieren?

Ich habe zwei. Der erste: gesund netzwerken! Damit meine ich: Verbindet euch nicht mit Leuten, nur weil sie in einer wichtigen Position sind, sondern mit Menschen, denen ihr vertraut, bei denen es menschlich passt. Ich erlebe Neid und Konkurrenzkampf, aber ich glaube nicht daran, dass das der richtige Weg ist. Ich habe immer Jobs bekommen, weil Leute sich positiv an mich erinnert haben. Und ich empfehle selbst auch Leute weiter, die ich mag, die ich professionell und angenehm finde. Wenn man sich gegenseitig respektiert und vertraut, macht es auch Spaß, sich mit Menschen zu verbinden.

Und der zweite Rat?

Ich habe selbst keine klassische Journalismus-Karriere gemacht, sondern mir immer viele Wege offengehalten. Ich glaube, das ist wichtig: dass man sich nicht versteift, sondern flexibel bleibt. Man muss auch nicht Journalismus studieren, weil man später in den Journalismus will. Ich würde eher dazu raten, etwas Spezielleres zu studieren, das heraussticht.  

Zur Person

Aline Abboud ist 34 Jahre alt und moderiert heute die Tagesthemen im ARD-Fernsehen. Nach ihrem Arabistik-Studium in Leipzig machte sie von 2014 bis 2016 ein Volontariat in dem Referat der Bundestagsverwaltung, das für die Online-Dienste und das Parlamentsfernsehen zuständig ist. In dieser Zeit produzierte sie unter anderem Texte und Videos für mitmischen.de.

(jk)

Kommentare