Lateinamerika

„Wie kann man Abhängigkeiten aufbrechen?“

06.12.2022 – Der Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist kürzlich nach Kolumbien und Bolivien gereist. Deborah Düring (Bündnis 90/Die Grünen) über sinnvolle Entwicklungsarbeit, Klimaschutz in Lateinamerika und die Aufarbeitung des Bürgerkriegs in Kolumbien.
Kind sitzt auf den Schultern seiner Mutter und hält ein Protestschild "No fracking" hoch
„Wenn wir vom Kohleabbau in anderen Ländern enorm profitieren und gleichzeitig von ihnen fordern, erneuerbare Energien auszubauen, ist das eine Doppelmoral“, kritisiert Deborah Düring. © picture alliance/NurPhoto/Daniel Garzon Herazo

Sie waren mit dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Kolumbien und Bolivien. Warum wurden genau diese beiden Länder für die Reise ausgewählt?

Der Ausschuss plant jedes Jahr vier Reisen. Wir versuchen dabei, unterschiedliche Kontinente in verschiedenen Kontexten zu besuchen.

Kolumbien ist ein Land, in dem gerade ein Friedensprozess in Gang ist, und in dem auch in Bezug auf umwelt- und klimapolitische Fragen viel passiert.

In der vergangenen Legislaturperiode hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unter dem damaligen Minister Gerd Müller eigentlich beschlossen, Bolivien von der Länderliste zu streichen und die seit 1962 bestehende bilaterale Entwicklungszusammenarbeit zu beenden. Die jetzige Bundesregierung misst Lateinamerika aber wieder eine größere Bedeutung zu, und so wurde diese Streichung wieder rückgängig gemacht. Die Zusammenarbeit soll nun intensiviert werden. Bolivien ist als eins der Amazonas-Anrainerländer essenziell für den globalen Regenwaldschutz. Deshalb will Deutschland insbesondere die Kooperation im Klima- und Biodiversitätsschutz verstärken.

Bis 2016 herrschte in Kolumbien ein blutiger Bürgerkrieg. Inwiefern spielt dieser Konflikt denn heute noch eine Rolle?

Ich kann meine Eindrücke nur aus einer sehr subjektiven Perspektive erzählen, die natürlich keine kolumbianische Perspektive ist. Auf der Reise habe ich den Eindruck bekommen, dass der Konflikt auf vielen verschiedenen Ebenen heute noch eine Rolle spielt. Er hat unglaublich viele Opfer gefordert und es gibt in Kolumbien mehr als sechs Millionen Vertriebene, die während des Bürgerkriegs innerhalb des Landes fliehen mussten. Zudem herrscht noch immer große Ungleichheit im Land.

Ich bin fasziniert, auf wie vielen verschiedenen Ebenen jetzt die Aufarbeitung dieses Konflikts stattfindet. Eine nach Ende des Krieges gegründete Wahrheitskommission hat ihre Arbeit vor Kurzem abgeschlossen. Darauf aufbauend stellt sich nun zum Beispiel die Frage nach einer sogenannten Sondergerichtsbarkeit: Wie können Gerichtsprozesse in Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg aussehen? Wie geht man mit den Verbrechern und Verbrecherinnen um? Wie geht man beispielsweise damit um, dass Menschen während des Krieges ihr Land weggenommen wurde? Welche Lösung kann es dafür geben? Der Konflikt ist immer noch allgegenwärtig und prägt auf unterschiedlichen Ebenen die Gesellschaft.

Ein Schwerpunkt Ihres Besuchs war das Thema Migration. Wie schätzen Sie die Lage an den Grenzübergängen Kolumbiens ein?

Kolumbien ist das von der Krise in Venezuela am stärksten betroffene Nachbarland. Es nimmt fast 50 Prozent aller venezolanischen Geflüchteten auf. An den Grenzübergängen ist dementsprechend einiges los. Es gibt sehr viel Transit, also einen regen Warenaustausch. Da aber keine LKW über die Grenze fahren, tragen die Menschen Dinge per Hand von A nach B, um Lebensmittel oder medizinische Versorgung, die in Venezuela gerade nicht zu bekommen ist, genau dorthin zu bringen.

Wir haben uns auch das Ausbildungszentrum SENA in der Nähe der venezolanischen Grenze angeschaut. Denn die Frage ist auch, wie man es schaffen kann, Menschen aus Venezuela zu integrieren, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Denn Kolumbien braucht in den kommenden Jahrzehnten unglaublich viele Fachkräfte.

Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass es eben nicht nur die Grenze zu Venezuela gibt, sondern dass Kolumbien weltweit das Land mit den meisten Binnengeflüchteten ist, mit Geflüchteten aus dem eigenen Land also.

Sowohl in Bolivien als auch in Kolumbien ging es auch um Umweltschutz und Klima. Welche Aspekte dieses Themengebietes waren in den beiden Ländern von besonderer Bedeutung?

In Kolumbien haben wir unter anderem über den Kohleabbau im Land gesprochen. Deutschland kauft sehr viel Energie aus unterschiedlichen Ländern ein, eben auch viel Kohle aus Kolumbien. Es gibt allerdings einen großen Konflikt zwischen indigenen und lokalen Gemeinschaften, die vor Ort leben, und den Kohleunternehmen. Wir haben sowohl mit Vertretern und Vertreterinnen von Nichtregierungsorganisationen als auch mit den Betreibern der Minen gesprochen.

Nachhaltige Stadtentwicklung war ebenfalls ein wichtiges Thema. Dabei ging es um Recycling, Verkehrsstruktur, den Ausbau erneuerbarer Energien und um Energieeffizienz. In Bolivien stand eher Wasserversorgung und -aufbereitung im Fokus.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit den beiden Ländern?

Die großen Herausforderungen sehe ich – übrigens nicht nur in Kolumbien und Bolivien, sondern weltweit – in der Kernfrage von Entwicklungspolitik: Wie kann man bestimmte Abhängigkeitsstrukturen aufbrechen und wie kann Deutschland diese Prozesse unterstützen?

Ein konkretes Beispiel hierfür ist in Kolumbien und Bolivien die Energie-Frage. Oft wurde uns dort gesagt: „Ihr fordert von uns den Ausbau erneuerbarer Energien und wollt uns dazu anregen, bis zu einem gewissen Datum klimaneutral zu werden. Gleichzeitig kauft ihr aber en masse unsere Kohle, weil ihr diese für eure Energiegewinnung braucht.” Wenn wir in Deutschland vom Kohleabbau in anderen Ländern enorm profitieren und gleichzeitig von ihnen fordern, erneuerbare Energien auszubauen, ist das eine Doppelmoral. Entwicklungspolitik kann Prozesse begleiten und Strukturen mit formen. Aber wir kommen nicht weiter, wenn wir Handelsabkommen haben, die den Zielen unserer Entwicklungspolitik entgegenstehen. Ich will ehrlich sein: Unsere Außen- und Wirtschaftspolitik muss kohärenter werden.

Welche neuen Perspektiven und Erkenntnisse haben Sie auf Ihrer Reise gewonnen?

Neben den vielen Erlebnissen und den Menschen, die ich vor Ort getroffen habe, war eine überraschende und auch sehr persönliche Erkenntnis, dass diese Reise auch in Bezug auf die eigenen Kollegen und Kolleginnen der demokratischen Parteien extrem spannend war. Man lernt sie ganz anders kennen. Man sitzt abends zusammen und kann so auch eine persönliche Beziehung zu manchen aufbauen. Das hatte ich so nicht erwartet.

Die Reise war aber auch extrem herausfordernd. Es fiel mir manchmal schwer, nach vier Stunden Schlaf den ganzen Tag aufmerksam und konzentriert von einem Programmpunkt zum nächsten zu ziehen. Gleichzeitig ist mir sehr klar geworden, was für ein Privileg es ist, solche Reisen machen zu können, so viel zu erleben und so viele Eindrücke zu gewinnen.

Zur Person

Deborah Düring, 1994 in München geboren, hat nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer indigenen Gemeinde in Costa Rica gemacht. Aktuell studiert sie Internationale Studien/Friedens- und Konfliktforschung. Seit 2021 sitzt sie außerdem für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, wo sie Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Finanzausschuss und im Unterausschuss Globale Gesundheit ist. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Profil auf bundestag.de.

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