IPS Afrika 2026
Mitten im Parlament und Schneegestöber
Naomi Webster-Grundl und Jasmin Nimmrich
Ein Monat Berlin und Bundestag. Was haben die Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Ghana, Kenia, Uganda, Senegal, Nigeria und Namibia erlebt und welche Erfahrungen nehmen sie mit nach Hause?
Die fünfzehn Stipendiatinnen und Stipendiaten des IPS Afrika 2026 blicken auf einen ereignisreichen Monat im Bundestag zurück. © Naomi Webster-Grundl / mitmischen.de
Für die meisten der Stipendiatinnen und Stipendiaten des Internationalen Parlaments-Stipendiums Afrika 2026 war die Praktikumswoche in Abgeordnetenbüros das unangefochtene Highlight ihrer Zeit im Bundestag: Die Abgeordneten zu Terminen zu begleiten, an der Fraktionssitzung teilzunehmen, im Büro mitzuarbeiten und den Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern zu pflegen - das war zumindest für eine Woche Alltag. „Das so hautnah mitzuerleben, war wirklich toll“, meint eine Stipendiatin aus Kenia.
Das Praktikum in einem Abgeordnetenbüro beschreibt einer ihrer Mitstipendiaten als einen zeitlich begrenzten Karrierewechsel: In seiner Heimat, dem Senegal, arbeitet er als Deutschlehrer, während des Monats in Berlin hat er sich jedoch selbst fast wie ein Abgeordneter des Bundestages gefühlt.
Ein anderer staunt: „Ich bin mit meinem Abgeordneten einfach mit der U-Bahn zu einem Termin gefahren.“ In seinem Heimatland Nigeria seien die Abgeordneten immer nur in Begleitung von Security unterwegs. Auch Teilnehmer aus anderen Ländern stimmen zu, wie überraschend es war, dass die Abgeordneten „wie normale Leute“ sind. Eine Stipendiatin aus Kenia fand es toll, die Transparenz des deutschen Parlaments, von der sie zuvor schon gehört hatte, selbst zu erleben. „Diese Erfahrungen möchte ich mit nach Hause bringen.“
Erstaunliche Unterschiede
Ein deutlicher Unterschied zum Parlament in Nigeria sei der Frauenanteil, erklärt ein Stipendiat: Im Bundestag sitzen prozentual zehnmal so viele Frauen wie im Parlament seines Heimatlandes. Und das Parlamentsgeschehen sei nicht so lange vorgeplant: Während in Deutschland schon alle Sitzungswochen für 2026 feststehen, wisse man in Nigeria noch nicht, wann das Parlament genau zusammenkomme. Und auch, dass in den Plenarsitzungen Gäste erlaubt sind, fanden einige der Stipendiaten toll, aber ungewöhnlich.
„Es hat mich wirklich erstaunt, wie viele Sitzungen es gibt. Mein Abgeordneter musste von einem Termin zum nächsten“, erzählt ein Teilnehmer. „Eindrücklich war für mich auch, dass man als Abgeordneter nicht einfach alleine entscheiden kann, sondern Mehrheiten finden muss.“ Ein anderer wirft ein, dass er überrascht war, wie viel unterschiedliche Meinungen es auch unter den Abgeordneten derselben Fraktion gibt.
Die Stipendiatinnen und Stipendiaten trafen in ihrer Zeit im Bundestag auch Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz. © DBT / Stella von Saldern
Die Nahbarkeit des Parlaments war für die meisten sehr unerwartet: „Die Bürger können die Abgeordneten im Wahlkreis einfach aufsuchen oder ihnen E-Mails schicken, wenn sie Fragen haben. Solche Gelegenheiten für einen Austausch mit den Politikern gibt es in Nigeria nicht“, so ein Teilnehmer. Jemand anderes bestätigt: „Diese Nähe zwischen den Abgeordneten und den Bürgerinnen und Bürgern wäre in Ghana undenkbar!“
Dem eisigen Berliner Winter trotzen
Was wirklich alle Stipendiaten miteinander verband, war die unangenehme Überraschung über den harten Winter, der sie in Berlin erwartete. Einer der Programmpunkte des IPS Afrika ist seit jeher die Ausgabe von Winterjacken, denn nur die wenigsten der Teilnehmer besitzen winterfeste Kleidung. Doch selbst die beste Winterjacke konnte einen nicht vor der Glätte der vereisten Straßen der Hauptstadt schützen.
Einige konnten sich jedoch auch an dem Schneetreiben erfreuen. „Ich kannte Schnee bisher nur aus dem Fernsehen. Es war so toll, das mal zu erleben – trotz der Kälte“, strahlt eine Stipendiatin aus Kenia.
Wenn die Stipendiatinnen und Stipendiaten nun nach Hause und in die Wärme zurückkehren, werden sie ihren Familien und Freunden von dem Erlebten und Gelernten erzählen: neben den Erfahrungen aus dem Parlament, auch davon, dass Deutsche scheinbar kaltes Essen mögen, es teilweise zu viele vegetarische Optionen gibt, dass ein „Spaziergang“ hier eine halbe Reise sein kann, wie freundlich alle trotz des kalten Wetters waren und auch wie großartig der öffentliche Nahverkehr hier funktioniert.
Inspiration und Freundschaften
Auch Inspirationen nehmen sie mit nach Hause. „Wir hatten viele Veranstaltungen zu Erinnerungskultur. Dadurch hab ich mich gefragt, wie wir damit in meiner Heimat Namibia umgehen. Das hat mich inspiriert und motiviert, mich zukünftig mehr damit auseinanderzusetzen und mich auch dafür einzusetzen“, so eine Teilnehmerin. Eine andere Stipendiatin betont, wie großartig es war, dass sie alle während des Programms immer aufgerufen waren, ihre Meinung zu äußern. „Dieses mutige Gefühl möchte ich in mein Heimatland Kenia mitnehmen – besonders als Frau.“
Auch die Ähnlichkeiten und Unterschiede des afrikanischen Kontinents wurden im Rahmen des Stipendienprogramms deutlich. Die 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten stammen aus sechs verschiedenen Nationen. So war der Austausch über die parlamentarische Demokratie Deutschlands und die Situationen in ihren Heimatländern für die Gruppe besonders bereichernd. Die so entstandenen Freundschaften, so hoffen alle, werden über lange Zeit bestehen bleiben. Gerne zurückdenken werden sie an die gemeinsame Zeit in Berlin. Eine Stipendiatin fasst zusammen: „Ich hatte gar kein Heimweh, weil es sich so familiär angefühlt hat.“