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Ukrainerin Ivanna „Nichts läuft mehr nach Routine oder Plan“

Ivanna, 21, kommt aus der Hauptstadt der Ukraine. Vor zwei Jahren war sie im Bundestag, als Teilnehmerin der internationalen Jugendbegegnung des deutschen Parlaments. Wo ist sie jetzt, wie geht es ihr und wie erlebt sie den Krieg?

Schwarz-weiß-Foto einer jungen Frau

Ivanna hat ihre Mutter, ihre Oma und ihren 14-jährigen Bruder, die aus ihrer Heimat geflohen sind, in ihrer Berliner Studentenwohnung aufgenommen. © privat

Wo in der Ukraine bist du normalerweise zuhause? Und wo bist du jetzt? Vor allem: Wie geht es dir?

Ich wurde in Kiew geboren, der Hauptstadt der Ukraine. Meine Eltern waren damals noch Studenten. Sie kommen aus anderen Teilen der Ukraine. Im Moment bin ich in Berlin. Ich studiere hier Architektur.

Es ist nicht leicht für mich zu erklären, wie ich mich fühle, aus verschiedenen Gründen. Auf der einen Seite empfinde ich eine Art Überlebensschuld-Syndrom. Auf der anderen Seite spüre ich eine große Verantwortung für meine Familie, die jetzt bei mir untergekommen sind: meine Mutter, meine Großmutter und mein kleiner Bruder. Neben meinen Uni-Prüfungen ist es gerade meine große Aufgabe, die deutsche Bürokratie zu verstehen und alle so gut wie möglich zu integrieren, was nicht so einfach ist, da sie kein Deutsch sprechen.

Schon einen Monat, bevor der Krieg anfing, hatte ich ein Gefühl zwischen Intuition und Panik. Aber meine Familie regierte nicht auf meine alarmierenden Anrufe. Sie glaubten nicht daran, dass das wirklich passieren könnte. Zwei Tage vor Kriegsbeginn habe ich ihnen eine Nachricht in Großbuchstaben geschrieben, dass sie einen Notfall-Koffer packen und im Keller deponieren sollen, um die erste Woche zu überleben. Am Telefon habe ich nur geweint.

Wie erlebst du den Krieg? Wie bist du und wie ist deine Familie davon konkret betroffen?

Meine Mutter, mein Bruder und meine Oma haben fünf Tage gebraucht, um zu mir zu kommen. Der Verkehr hat sie aufgehalten, die Grenzen und ihre Erschöpfung. Mein Vater ist in der Ukraine geblieben.

Die erste Nacht, in der meine Familie hier war, habe ich ihnen die Schrecken des Krieges angemerkt. Mein 14-jähriger Bruder sagte: „Oh, ihr macht hier nachts das Licht an.“ Wenn wir ein unerwartetes Geräusch hörten, vielleicht nur ein Nachbar, der gegen die Wand stieß, schauten sich alle ängstlich an.

Ich hätte nie gedacht, dass das passieren könnte: Einen Tag lebt man das ganz normale Leben einer Studentin, am nächsten bekommt man Nachrichten von Verwandten und Freunden, die schreiben „Der Krieg hat begonnen“ und „Sie haben mein Haus zerbombt.“

Wie gestaltet sich dein tägliches Leben aktuell?

Nichts läuft mehr nach Routine oder Plan. Ich finde es schwer, meine sonstigen Aktivitäten in mein aktuelles Leben zu integrieren: Sport, Hobbys. Ich kann nicht mal Musik anhören oder ein Buch lesen. Meine Bildschirmzeit überschreitet im Moment elf Stunden am Tag, weil ich Angst habe, Nachrichten zu verpassen, von denen das Leben meiner Familie abhängen könnte.

Um irgendwie etwas für meine seelische Gesundheit zu tun und die Panik zu vertreiben, leiste ich Freiwilligenarbeit bei der Aufnahme von Geflüchteten. Dort werden besonders Leute gebraucht, die Deutsch und Ukrainisch sprechen. Ich spreche vier Sprachen – hier lohnt sich das mal wirklich.

Ich verpasse auch keine Demonstration. Einerseits könnte man denken, die Stimme einer einzelnen Person ist nur ein Tropfen in den Ozean, aber wenn wir eine halbe Million sind, dann ist jede Stimme wertvoll.

Neben alldem muss ich natürlich auch noch studieren, das ist mir sehr wichtig. Und ich erlaube mir nicht, mein Studium zu unterbrechen, so schwer es auch ist, meine Gefühle und meine Tränen zu unterdrücken, um für meine Prüfungen lernen zu können.

2020 warst du auf Einladung des Bundestages Teilnehmerin der Jugendbegegnung, die jährlich in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus stattfindet. Jetzt behauptet Putin, er wolle die Ukraine „entnazifizieren“. Wie geht es dir damit?

Ich glaube, auf diese Frage muss ich eigentlich gar nicht antworten. Jeder versteht hoffentlich, dass diese Begründung, dieses Märchen, überhaupt keinen Sinn macht. Putin hat schon immer nach Gründen gesucht, die vielleicht für jemanden, der die Geschichte der Ukraine und Russlands nicht kennt, wahr erscheinen können: Erst war es, Russland müsse angeblich Russischsprachige in der Ukraine beschützen – obwohl fast alle Ukrainer Russisch sprechen. Jetzt brauchte diese Legende noch eine Pointe, also behauptete er, alle Russen würden in der Ukraine verfolgt und benutzte dabei die gleichen Wörter, die ich 2020 bei der Jugendbegegnung des Bundestages untersucht habe. Aber natürlich hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

Es ist genau andersherum: Was Putin jetzt den Ukrainern antut, sollte Genozid, also Völkermord, genannt werden.

Schaust du durch die aktuellen Ereignisse in deinem Land anders auf den Zweiten Weltkrieg?

Generell ändert die Erfahrung dieses Krieges meine Gedanken über den Zweiten Weltkrieg nicht. Im Krieg gibt es keine Gewinner: Das Trauma eines Krieges wird immer Generationen überdauern. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ich die vierte Generation. Jetzt wurden die Karten neu gemischt, und ich werde meinen Enkelkindern von dem Verbrechen erzählen, die gegen das ukrainische Volk verübt wurden.

Dieser Krieg hat mir aber in einer Hinsicht die Augen auf neue Weise geöffnet: Als Architektur-Studentin, für die die Themen Energieeffizienz und Ökologie eine große Rolle spielen, tut es mir weh zu erkennen, wie abhängig Deutschland von russischem Gas ist.

Wie geht es für dich jetzt weiter?

Im Moment ist es sehr schwer, an die Zukunft zu denken. Mein Leben rauscht vorbei, das Konzept Zeit hat seine Bedeutung verloren. Aber ich habe trotzdem vor, mein Studium erfolgreich zu beenden und anzufangen zu arbeiten.

Wie, glaubst du, wird die politische Situation sich weiter entwickeln?

Die einzige Option für Frieden in meinem Land ist ein Sieg. Ukrainer sind mutige und kluge Menschen. Wir sind bereit, unsere Städte wieder aufzubauen, von Null anzufangen und für den Wohlstand in einem freien Land zu arbeiten. Was in unseren Herzen bleiben wird ist der Schmerz und die Erinnerung an jeden Verlust, jeden Tod, jede Verletzung, jede Träne eines kleinen Kindes.

Seit die Ukraine unabhängig ist, wollten wir uns Europa annähern. Wenn ich den Preis anschaue, den wir dafür bezahlen mussten, tut mein Herz weh. Hilfe und Solidarität von anderen Ländern würde uns helfen, unser Ziel zu erreichen.

(Interview vom 19. März 2022)

(jk)

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