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Interview

„Wir operieren mit der Rentenreform am offenen Herzen“

14. Oktober 2026 Jasmin Nimmrich

Als Mitglied der Rentenkommission war Annika Klose (SPD) maßgeblich an den Empfehlungen zur Reform des Rentensystems beteiligt. Wie schätzt sie das Rentensystem heute ein und was hat es mit der Frühstartrente ab dem sechsten Lebensjahr auf sich?

Eine Frau mit schulterlangem, blondem Haar steht vor einer hellgrauen Betonwand. Sie trägt ein bordeauxrotes Sakko über einem schwarzen Oberteil. Ihr linker Arm ist angewinkelt und ruht in der Hüfte, während sie leicht lächelt und direkt in die Kamera blickt. Die Szene ist hell ausgeleuchtet, der Hintergrund schlicht und modern.

Annika Klose war eines der drei parlamentarischen Mitglieder der Rentenkommission. © picture alliance / photowerkstatt | Mike Schmidt

Warum ist die Rente auch für junge Menschen wichtig?

Die Rente ist super wichtig, weil wir natürlich alle hoffen, alt zu werden, irgendwann selbst in Rente gehen zu können und eine gute Altersvorsorge zu haben. Je früher man anfängt, sich Gedanken über die eigene Rente zu machen und gegebenenfalls vorzusorgen, desto mehr kann am Ende dabei herauskommen.

Was läuft im Diskurs um die Reform des Rentensystems schief?

Allgemein ist es fatal, die verschiedenen Generationen gegeneinander auszuspielen und es so darzustellen, als ginge die Alterssicherung der einen mit der Altersarmut der anderen einher. Ich bin mir sicher, dass auch die Älteren wollen, dass die Jüngeren bei den Beitragszahlungen nicht überlastet werden, weil sie ja das heutige System stemmen. Und die jüngere Generation will auch nicht, dass ihre Eltern oder Großeltern im Rentenalter Flaschen sammeln müssen. Das Rentensystem lässt sich also viel zutreffender als ein Miteinander beschreiben. Außerdem ist es falsch zu behaupten, dass im aktuellen Rentensystem ohnehin nichts für einen rumkommen wird, wenn man heute 20 oder 30 Jahre alt ist.

Was erwidern Sie denn einer jungen Person, die vom heutigen Rentensystem eigentlich nichts mehr erwartet?

Die gesetzliche Rente hat, so wie wir sie kennen, schon wahnsinnig viele Krisen überstanden. Natürlich bedarf es wegen der zunehmend alternden Gesellschaft einer umfassenden Reform. Aber es ist überhaupt nicht so, dass unser Rentensystem kurz vor dem Kollaps steht! Die geplante Reform wird für die nötige Stabilisierung sorgen – insbesondere indem das Rentenniveau für die jüngere Generation wieder steigen wird. Nichtsdestotrotz ist es aber immer gut, im Blick zu behalten, ob man selbst eine Rentenlücke hat. Wer beispielsweise zusätzlich eine gute Betriebsrente hat, ist meist gut abgesichert. Wenn dem aber nicht so ist, sollte man prüfen, ob man privat vorsorgen kann. Aber die gesetzliche Rente ist die wichtigste Säule der Altersvorsorge, und wir werden sie mit den Reformen noch einmal weiter stabilisieren!

Wann haben Sie selbst zum ersten Mal über Ihre eigene Rente nachgedacht?

Das war in meinem ersten richtigen Job beim Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin-Brandenburg, für den ich mein Studium für ein Jahr unterbrochen habe. Dort habe ich zum ersten Mal selbst Rentenbeiträge gezahlt und festgestellt, dass es doch relativ viel Geld ist, das monatlich vom Gehalt abgeht.

Zur Person
Eine Frau mit schulterlangem, blondem Haar steht vor einer hellgrauen Betonwand. Sie trägt ein bordeauxrotes Sakko über einem schwarzen Oberteil. Ihr linker Arm ist angewinkelt und ruht in der Hüfte, während sie leicht lächelt und direkt in die Kamera blickt. Die Szene ist hell ausgeleuchtet, der Hintergrund schlicht und modern.

Annika Klose

sitzt seit 2021 im Deutschen Bundestag. Sie ist ordentliches Mitglied und Obfrau im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie stellvertretendes Mitglied im Finanzausschuss.

Sie waren Teil der Rentenkommission und haben von Januar bis Juni 2026 an einem Reformpaket gearbeitet. Haben Sie im Zuge dessen etwas Neues über die Rente gelernt?

Ich habe unfassbar viel Neues gelernt. Man sagt ja häufiger, dass die Rente kompliziert ist. Das stimmt im Grunde, andererseits ist das System in sich sehr logisch. Schlussendlich läuft vieles auf mathematische Berechnungen hinaus: Wenn wir zum Beispiel zusätzliche Menschen mit einbeziehen, etwa neue Selbstständige oder Abgeordnete, oder wenn wir die Altersgrenzen anheben, dann gehen in den Modellen die Beitragssätze runter und das Rentenniveau hoch – es wirkt also in beide Richtungen plötzlich positiv. Was immer wieder aufschlussreich war, war der vergleichende Blick auf international unterschiedliche Rentensysteme. Wir haben uns die Überlegungen angeschaut, die Regierungen andernorts anstellen, und auch, woran sie teilweise scheitern. Gleichzeitig gilt: Die Rente ist ein enorm emotionales Thema und wir operieren mit der Rentenreform an einem offenen Herzen!

Was ist die Rentenkommission?

Die Alterssicherungskommission, auch Rentenkommission genannt, hat am 7. Januar 2026 ihre Arbeit aufgenommen. Ihre 13 Mitglieder erarbeiteten in 19 Sitzungen sowie in mehreren Anhörungen und Fachgesprächen einen Katalog von Reformvorschlägen, die das Rentenniveau langfristig stabilisieren sollen. Am 26. Juni wurde der Kommissionsbericht an die Schirmherrin und damalige Ministerin für Arbeit und Soziales, Bärbel Bas (SPD), überreicht.

Die Mitglieder der Kommission waren:

  • die beiden Vorsitzenden Prof. Dr. Constanze Janda (Rektorin der Universität Speyer) und Frank-Jürgen Weise (Ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit)

  • die drei stellvertretenden Vorsitzenden aus den Reihen des Deutschen Bundestags: Florian Dorn (CSU), Annika Klose (SPD) und Pascal Reddig (CDU)

  • und die acht wissenschaftlichen Mitglieder: Prof. Dr. Peter Bofinger (Seniorprofessur für VWL der Universität Würzburg), Prof. Dr. Tabea Bucher-Koenen (Leiterin des Forschungsbereichs „Altersvorsorge“ am ZEW), Prof. Dr. Georg Cremer (ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes), Prof. Dr. Camille Logeay (Professorin für Volkswirtschaftslehre an der HTW Berlin), Dr. Monika Queisser (Leiterin der Abteilung für Sozialpolitik bei der OECD), Prof. Jörg Rocholl (Präsident der Wirtschaftshochschule ESMT Berlin), Prof. Dr. Silke Übelmesser (Professorin für Finanzwissenschaft der Universität Jena) und Prof. Dr. Martin Werding (Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft)

Welche der 33 Reformvorschläge sind besonders relevant für junge Menschen?

Wir haben vorgeschlagen, die Kapitalrente künftig als Ergänzung zur gesetzlichen Rente zu gestalten. Das heißt, jeder bekommt ein individuelles Konto, in das jeweils ein Beitragssatzpunkt von Arbeitgeber und Arbeitnehmer eingezahlt wird. Dieses neue System wollen wir mit der sogenannten Frühstartrente verknüpfen: Während der Schulzeit zahlen der Staat und optional auch die Eltern ein. Mit dem Einstieg in den Arbeitsmarkt wird dieses Konto durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber weiter gespeist. Das führt dazu, dass man vom sechsten Lebensjahr bis zum Renteneintrittsalter anspart und so richtig was zusammenkommen kann. Diesen Weg sollten wir jetzt einschlagen, damit die junge Generation am Ende wirklich mehr Rente haben wird.

Wie soll die Frühstartrente genau aussehen?

Geplant ist, dass der Staat ab dem sechsten Lebensjahr monatlich 10 Euro für jedes Kind einzahlt. Grundsätzlich ist auch vorgesehen, dass Eltern oder Großeltern diesen Betrag verdoppeln können. Bis zum 18. Lebensjahr wird dieses Geld angelegt und angespart. Durch Zinseszinsen und weiteres Sparen nach dem 18. Lebensjahr kann bis zum Renteneintritt so schon eine ordentliche Summe zusammenkommen. Diese Frühstartrente ist als ein Baustein im gesamten Rentensystem und als Ergänzung zur gesetzlichen, betrieblichen und privaten Altersvorsorge zu sehen. Die jungen Leute müssen sich im Falle der Frühstartrente aber auf erstmal um nichts kümmern.

Angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklungen: Wie entkräften Sie Sorgen bezüglich der Anlage am Kapitalmarkt? Anders gefragt: Wenn es zu einer Weltwirtschaftskrise kommen sollte, ist dann die Rente einfach weg?

Bei der neu angedachten Kapitalsäule haben wir uns von Schweden inspirieren lassen. Dort kann man sich explizit für einen Staatsfonds entscheiden, muss es aber nicht. Aktuell liegen die Renditen, also die Erträge aus der Geldanlage in diesem Staatsfonds, bei sechs Prozent. In Südkorea liegt sie sogar bei acht Prozent! Die Logik bei der Anlage ist, dass für junge Menschen mit höherem Risiko angelegt wird, sodass hohe Renditen dabei herauskommen. Je näher man dem Renteneintrittsalter kommt, desto konservativer und sicherer wird angelegt. Das bedeutet eben auch, dass im Fall einer Krise nicht alles weg ist. Das heißt natürlich nicht, dass man stets mit einer jährlichen Rendite in Höhe eines festgeschriebenen Prozentsatzes rechnen kann. Aber das Wachstum, das wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, war durchgehend positiv, sodass wir mit einer weiteren positiven Entwicklung rechnen können. Für den Fall der Fälle haben wir aber auch einen Rettungsanker vorgeschlagen: Wir werden aus Steuermitteln ein Rentenniveau für den Rentenzugang bei 48 Prozent garantieren. Das gibt auch im Falle einer großen Krise zusätzliche Sicherheit – gerade in den Anfangsjahren der Kapitalrente.