Blog Tag 3

"Du gehst ins Gas!"

25.01.2020 – In Auschwitz werden Lukas und die 60 Teilnehmer der Jugendbegegnung durch das ehemalige Lager geführt. Und sprechen mit einer Zeitzeugin, die als Kind das Grauen erlebte.
Unseren Museumführern hören wir per Kopfhörer zu. © DBT/Stella von Saldern

"Hier mussten Häftlinge manchmal eine, manchmal sogar zwei oder drei Nächte ausharren", sagt unsere Gedenkstättenführerin und zeigt auf einen mit Ziegeln gemauerten Schacht im Keller des sogenannten Todesblocks von Auschwitz. Auf Bodenhöhe des Schachts ist eine Metallluke eingelassen. Zwangsarbeiter, die etwa zu langsam arbeiteten oder die zu fliehen versuchten, mussten hier hindurchkriechen – hinein in einen winzigen Raum in völliger Dunkelheit, zu eng um sich setzen zu können, ohne Wasser, ohne Essen, fast ohne Sauerstoff.

Umzäunt von Stacheldraht

Der Todesblock befindet sich im sogenannten Stammlager von Auschwitz – ein Gefängniskomplex bestehend aus in Reih und Glied gebauten Backsteinbaracken umzäunt von Stacheldrahtzäunen. Heute haben wir das Lager besichtigt.

1940 wurde es von den Nazis in Betrieb genommen, erzählt uns unsere Museumsführerin. Sein Zweck bestand vor allem darin, politische Häftlinge zu internieren, etwa Widerstandskämpfer oder polnische Gelehrte. Erst mit dem Bau von Birkenau, dem zweiten großen Lager, wurde Auschwitz 1942 zu dem Ort, an den wir heute zumeist denken: das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten, das in erster Linie dazu diente, die europäischen Juden zu ermorden. 

80.000 Schuhe, zwei Tonnen Haar

Viele der Baracken im Stammlager kann man heute besichtigen. Sie sind eng und kalt. Hinter riesigen Glasscheiben sehen wir zu Bergen aufgetürmte Rasierpinsel, wir sehen unzählige Töpfe, Pfannen und Karaffen, hunderte Koffer. In einem Raum sind ausschließlich Schuhe ausgestellt: 80.000 an der Zahl. 

All diese Dinge wurden den Opfern von der SS (Schutzstaffel, eine nationalsozialistische Organisation) abgenommen, bevor sie inhaftiert oder vergast wurden. Und die Plünderung ging sogar nach der Ermordung weiter. So hatte man etwa den Frauenleichen die Haare abgeschnitten, weil man die an Textilfirmen verkaufen konnte: für 50 Pfennige das Kilo. Und auch das sehen wir hinter einer der Glasscheiben: menschliches Haar, insgesamt zwei Tonnen schweres menschliches Haar.

Unter den Pritschen

Wir alle haben Schwierigkeiten, diese Bilder zu verarbeiten. Wie konnte man diesen Ort überleben? Darauf haben nur wenige eine Antwort. Und eine der wenigen ist Lidia Skibicka-Maksymowicz. Mit drei Jahren kam sie ins Lager – nach einer 1000-Kilometer langen Fahrt in einem Viehwaggon. 

Am frühen Abend treffen wir die heute 79-Jährige. Sie erzählt uns, wie sie nach ihrer Ankunft in Auschwitz gewaltsam von ihrer Mutter getrennt wurde, wie sie monatelang als kleines Kind ums Überleben kämpfte, wie sie sich unter den Pritschen ihrer Baracke versteckte, wenn sich die SS näherte. 

Der Todesengel von Auschwitz

"Ich habe Auschwitz mit den Augen eines Kindes gesehen, das nicht wusste, wo es ist und was um sich geschieht. Ich habe nicht verstanden, warum mich meine Familie allein gelassen hat", erzählt sie uns. Über 200.000 Kinder seien in Auschwitz gestorben – und der Grund, warum ausgerechnet sie überlebt habe, sei ihre gute Gesundheit gewesen. 

Lidia berichtet, dass sie und andere Kinder vom grausamen SS-Arzt Josef Mengele für pseudo-medizinische Versuche missbraucht wurden. Sie erzählt, dass der "Todesengel von Auschwitz", so wurde Mengele unter den Häftlingen genannt, Kindern beispielsweise spezielle Augentropfen verabreichte. Er wollte damit untersuchen, ob sich die Augen der Kinder blau färben ließen. Blaue Augen galten in der nationalsozialistischen Rassenideologie als die einzig arischen, also nicht-jüdischen. Manche der Kinder seien durch die Experimente für immer erblindet, erzählt Lidia. Ihr blieb dieses Schicksal erspart.

"Dankeschön!"

Noch Jahre nach der Befreiung sei sie nicht in der Lage gewesen, menschliche Nähe zuzulassen. Wenn jemand ihr die Hand gereicht hätte oder versucht hätte, sie zu streicheln, hätte sie Angst bekommen. Im Umgang mit anderen Kindern hätte sie die Erlebnisse aus dem Lager nachgespielt, erinnert sie sich: "Du gehst ins Gas! Du gehst in die Baracke", kommandierte sie die anderen Kinder. Ein normales Kinderspiel habe sie nie gekannt. Alles, was sie gekannt habe, war die Grausamkeit aus dem Lager. 

Bevor sie sich von uns verabschiedet, sagt Lidia noch einen Satz, der in mir noch lange nachklingt. Sie versucht zu erklären, warum sie auch im hohen Alter noch immer wieder von ihren schrecklichen Erfahrungen aus dem Lager berichtet: "Ich erzähle das alles auch für die, die Auschwitz nur als Rauch und Asche verlassen haben", sagte sie.

Lidia ist eine herzliche Frau. Zur Verabschiedung lacht sie viel. Dann bedankt sie sich auf Deutsch: „Dankeschön“.

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