Ute Vogt (SPD)

„Immer verschiedene Meinungen anhören“

13.09.2019 – Von Demos und „Petersilien-Terminen“: Lara Joyce hat Ute Vogt (SPD) in ihrem Wahlkreis in Stuttgart getroffen. Warum sie im Auto miteinander gesprochen haben, erfahrt ihr hier.
Politikerin und Autorin im Gespräch im Auto
Ute Vogt möchte die Autodichte in Städten verringern – deshalb hat sie symbolisch ein car2go-Auto als Treffpunkt ausgesucht. © privat

Wer ist Ute Vogt? 

Ute Vogt sitzt seit 2009 im Bundestag. Und zwar zum zweiten Mal. Denn auch von 1994 bis 2005 war die 54-Jährige selbständige Rechtsanwältin schon Abgeordnete. Danach saß sie drei Jahre lang im Stuttgarter Landtag – eine Arbeit, die ihr weniger Freude machte als die im Bundestag. „Ich bin mit dem Landtag nicht warm geworden“, so formuliert sie es. Deshalb beschloss die Juristin, ihre politische Karriere zu beenden. 

Doch das Schicksal wollte es anders. Der Anruf kam damals im Baumarkt: „Der Stuttgarter SPD war die Kandidatin abgesprungen“, erzählt Ute Vogt. „Deshalb wurde ich gefragt, ob ich nochmal für den Bundestag kandidieren wolle.“ Sie wollte. Mit ihrem Antritt zur Wahl 2009 verlagerte sie auch ihren Wohnsitz nach Stuttgart. Ihr ist es wichtig, tatsächlich dort zu leben, wo auch die Menschen leben, die sie im Bundestag vertritt. 

Ein Auto als Lieblingsort? 

Und hier, in Stuttgart, der aktuellen Wahlheimat von Ute Vogt, treffen wir uns also. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsort antwortete sie: „Es gibt ganz viele Lieblingsorte. Am liebsten bin ich im Wald. Das finde ich toll an Stuttgart: Man ist ganz schnell im Grünen, das ist wunderbar erholsam.“ 

Für das Interview hat sie sich aber einen anderen Ort ausgesucht: ein car2go-Auto. Warum? Carsharing stehe für die Zukunft der Mobilität und müsse in der Region unbedingt ausgebaut werden. Weil das Prinzip, Autos nur nach Bedarf in Anspruch zu nehmen, uns dabei helfe, uns individuell und trotzdem umweltfreundlich fortzubewegen. Und es helfe uns auch dabei, die Autodichte in Städten zu verringern. Noch besser ist es natürlich, aufs Rad zu steigen – auch das macht Ute Vogt oft. „Ich fahre sehr viel mit dem Elektrorad. Hier in Stuttgart reicht meine Kondition nicht ohne Elektromotor“, gibt sie zu.

Was muss man an Stuttgart mögen? 

Was macht die Region um Stuttgart besonders, will ich von Ute Vogt wissen. Sie nennt zum einen die gute wirtschaftliche Perspektive. Hier sei noch viel produzierende Industrie ansässig, die Grundlage für Wohlstand und sichere Arbeitsplätze, sagt sie. Zum anderen hebt sie die Vielfältigkeit der Bevölkerung hervor. Inzwischen kämen hier fast die Hälfte der Menschen aus anderen Ländern.

„Wir sind eine Stadt, in der Vielfalt wirklich gelebt wird“, sagt die 54-Jährige. Ein Ereignis ist Vogt in dem Zusammenhang besonders in Erinnerung geblieben: „Als es vor zwei Jahren hieß, die AfD mache eine Demonstration, wurde innerhalb von einer Woche per E-Mail und in den sozialen Medien dazu aufgerufen, Flagge zu zeigen. 5000 Leute gingen auf die Straße, um zu zeigen: Wir sind tolerant und weltoffen“, erinnert sie sich. Diese aktive Zivilgesellschaft, die sich für Demokratie stark macht, schätzt sie sehr. 

Und was nervt an Stuttgart? 

Gleichzeitig komme die Region oft ein bisschen hochnäsig rüber, findet Ute Vogt. „Das gefällt mir nicht, wenn man von sich so eingenommen ist und meint, man könne von anderen nichts mehr lernen“, sagt sie. Sie würde sich mehr Aufgeschlossenheit wünschen.

Ein anderes Problem sieht sie in der versteckten Armut in der Stadt. „Weil hier doch ein Großteil der Menschen sehr wohlhabend ist, ist das ganze Lebensgefühl davon geprägt: Uns geht es gut und wir haben auch materiell wenig Sorgen. So trauen sich die Armen noch weniger an die Öffentlichkeit.“ Deshalb hat sie in ihrem Wahlkreis einen besonderen Schwerpunkt auf Langzeit-Arbeitslose gelegt. „Explodierende Mieten“ seien auch ein Problem, das in diesen Bereich falle: „Ich wünsche mir sehr, dass Stuttgart eine vielfältige Stadt bleibt – und es wäre verheerend, wenn nur noch Menschen mit hohem Einkommen sich leisten könnten, in der Innenstadt zu leben.“

Wie bringt man Stuttgart und Berlin zusammen? 

Ute Vogts Arbeitsalltag im Wahlkreis ist sehr abwechslungsreich. Oft kann sie ihn selbst gestalten und an die aktuellen Themen, die in Berlin behandelt werden, anpassen. Ihre Devise: „Wir versuchen das, was in Berlin in Gesetzesform gegossen wird, hier auch praktisch zu erleben – und vor Ort Meinungen dazu einzuholen.“ 

Auf der anderen Seite ist ihr Terminkalender voll von repräsentativen Aufgaben. „Petersilien-Termine“ nennt sie das liebevoll. „Das sind Veranstaltungen, bei denen erwartet wird, dass die Abgeordneten alle in der ersten Reihe sitzen. Oft ist das anstrengend, wenn man nur zur Zierde dasitzt, obwohl man in der Zeit anderes erledigen könnte. Spannend wird es, wenn hinterher noch Zeit ist, mit den Menschen zu reden.

Der direkte Kontakt zu den Bürgern liegt Vogt am Herzen – das merkt man im Gespräch sofort. In den sogenannten Bürger-Sprechstunden im Wahlkreisbüro erlebe sie den gesamten Querschnitt an Menschen, Meinungen und Problemen. „Das ist enorm wichtig, weil man so auf viele Themen gestoßen wird, mit denen man sonst vielleicht gar nicht konfrontiert wäre.“ 

Was macht richtig Spaß am Politiker-Dasein? 

Während ihre Tage im Wahlkreis sehr unterschiedlich aussehen, ist der Arbeitsalltag in Berlin durch den Sitzungsrhythmus streng geregelt. Zusätzlich zu den Sitzungen stehen Besprechungen mit Kollegen und Außenstehenden wie Lobbyisten auf dem Tagesplan. Die findet Ute Vogt auch wichtig: „Die Arbeit von Abgeordneten wird dann besonders gut, wenn sie viele Kontakte haben und sich immer mehrere unterschiedliche Meinungen anhören, um sich ein Gesamtbild zu machen.“

Schlimm sei es, wenn Menschen, mitunter auch Politiker, daran gar kein Interesse mehr hätten: „Fanatiker, denen es gar nicht darum geht, eine Diskussion über den besseren Weg anzustoßen, sondern nur noch ihre Meinung rauszuschreien. Sowas macht die Politik am Ende kaputt.“ Ihr macht es am meisten Freude, zu verhandeln, Kompromisse zu schließen, Dinge voranzubringen. „Das ist das Schöne, wenn man mitregiert – da hat man eher die Möglichkeit, wirklich etwas zu beeinflussen.“ 

Über Ute Vogt 

Ute Vogt, 54, ist Juristin. Sie arbeitete als Rechtsanwältin, bevor sie 2009 zum ersten Mal für die SPD in den Bundestag einzog. Sie gehört dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und stellvertretend den Ausschüssen für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und für Recht und Verbraucherschutz an. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Bundestagsprofil.

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