Nicole Gohlke (Die Linke)

„Es gefällt mir, etwas zu bewegen“

27.08.2021 – Wie eine typische Politikerin sieht sie nicht aus, dachte Ludwig, als er in München die Linken-Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke traf. Im Gespräch ging es um die Probleme der Einwohner des Wahlkreises, die politischen Ziele der 45-Jährigen und die Frage, nach wem Plätze benannt werden sollten.
Zwei Personen sitzen vor Bäumen auf einer Bank
„Was erhoffen Sie sich nach der Bundestagswahl?“ – mitmischen-Redakteur Ludwig hat die Linken-Abgeordnete Nicole Gohlke in München getroffen. © Ludwig Schaumberger

Nicole Gohlke sieht gar nicht aus, wie ich mir eine „typische“ Bundestagsabgeordnete vorstelle – kein schicker Blaser, keine Aktentasche. Zu unserem Treffen in München kommt die 45-Jährige, die seit 2009 für die Partei Die Linke im Deutschen Bundestag sitzt, stattdessen in T-Shirt und Sneakers.

Treffpunkt: Der Georg-Freundorfer-Platz

Wir treffen uns am Georg-Freundorfer-Platz in München, Gohlkes Heimatstadt. Sie ist dort aufgewachsen, hat Kommunikationswissenschaften studiert und immer dort gelebt. Sie versteht sich als Abgeordnete für ganz München und nicht nur für ihren Wahlkreis München-West/Mitte, in dem sie als Direktkandidatin antritt, sagt sie. Für Fraktion Die Linke im Bundestag ist sie sogar Sprecherin der bayrischen Landesgruppe.

Normalerweise gibt es hier auf dem Platz einen Wochenmarkt, im Winter werden Weihnachtsbäume verkauft, es gibt Stadtteilfeste und Flohmärkte. Die Linke nutzt den Platz häufig für Wahlkampfveranstaltungen, sagt Gohlke. Nur mit einem ist die Abgeordnete nicht zufrieden: dem Namen des Platzes. „Es gibt so viele tolle Menschen, die man ehren könnte. Muss man da eine Person mit NS-Hintergrund nehmen?“ Tatsächlich wird dies im Münchner Bezirksausschuss seit 2015 überprüft. Denn der Musiker und Komponist Georg Freundorfer war zwar ein begnadeter Zitherspieler. Aber ihm wird auch eine große Nähe zu den Nationalsozialisten nachgesagt.

Bildung und Bauen

Wir stehen auf der Wiese, umgeben von Bäumen, neben uns ein großer Fußballplatz und gewundene Klettergerüste. Vor allem Schüler und junge Menschen, die eh schon soziale Probleme haben, seien in der Corona-Krise abgehängt worden, sagt Gohlke und schaut sich um. Sie sieht die Regierung in der Pflicht, mehr zu machen: Egal ob mehr Räume und mehr Personal, es müsse jetzt alles getan werden, damit die Schulen nicht erneut schließen müssen.

Genau das sind ihre Themen: denn die 45-Jährige sitzt im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages und ist Hochschul- und Wissenschaftliche Sprecherin ihrer Fraktion. „Ein anderes Problem ist, dass München eine sehr teure Stadt ist. Es gibt wenige Plätze für Jugendliche, an denen sie nicht sofort etwas kaufen müssen“, erklärt mir Gohlke. Nicht jeder habe das Geld, sich mit seinen Freunden in den Biergarten zu setzen und dort Getränke und Essen zu konsumieren. Leider gebe es aber sonst zu wenig Orte, an denen sich Jugendliche ungezwungen Treffen können, findet die Abgeordnete.

Immobilienpreise einfrieren

In ihrem Wahlkreis ist das Thema aktuell: Immerhin fast 16 Prozent der Einwohner und Einwohnerinnen sind unter 18 Jahren, ein Großteil zwischen 35 und 39 Jahren und damit in einem Alter, indem viele eine Familie haben. Das Durchschnittseinkommen liegt in München West/Mitte bei 32.766 Euro je Einwohner. Zum Vergleich: Bundeweit sind es 47.700 Euro.

Ein Problem, das nicht nur junge Leute betrifft, ist der teure Wohnraum in München. Will man eine Wohnung kaufen, zahlt man im Schnitt 8.200 Euro pro Quadratmeter und somit ist München die drittteuerste Stadt Europas. Auch die Mieten sind extrem hoch. Für Studierende wird die Wohnungssuche zur Herausforderung und viele Leute, die schon immer in München gewohnt haben, müssen wegziehen. Gohlkes Vorschlag: Immobilienpreise für eine gewisse Zeit einfrieren, damit Wohnungen generell kein spekulatives Geschäft mehr sind.

Macht Ihnen der Job Spaß?

Bauen und Bildung beschäftigen sie täglich, denn die 45-Jährige sitzt nicht nur im Bildungsausschuss des Deutschen Bundestages, sondern ist auch stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen. Genau in diesen Bereichen hat ihre Partei aus ihrer Sicht in dieser Legislaturperiode am meisten erreicht – zu Beispiel mit dem Vorschlag eines Mietendeckels. „Das er überhaupt gesamtgesellschaftlich diskutiert wird, ist ein Erfolg", sagt Gohlke. Sonst findet sie die Frage nach ihren konkreten Erfolgen eher schwierig. In der Opposition – also ohne Regierungsverantwortung – sei es schwer, eigene Gesetzte durchzubekommen. Ob ihr der Job als Politikerin trotzdem Spaß macht? „Ja, auf jeden Fall! Es gefällt mir vor allem, vor Ort bei den Menschen zu sein und was zu bewegen“, sagt sie.

Blick in die Zukunft

Ich bin neugierig: In der Partei Die Linke war ja einiges los in den letzten Monaten. Viele Mitglieder fürchteten eine Spaltung. Die frühere Vorsitzende Sahra Wagenknecht schimpfte offen gegen ihre alten Parteikollegen und -kolleginnen, schrieb ein Buch über die Partei und nun droht ihr der Ausschluss. Doch Nikole Gohlke befürchtet trotz mancher innerparteilicher Spannungen keine Spaltung der Partei. „Natürlich gibt es wie in jeder anderen Partei Lager und Richtungen – aber uns eint alle, dass wir für dasselbe Ziel einer gerechteren und demokratischeren Gesellschaft und eine friedliche Außenpolitik kämpfen.“

Welches Ergebnis wäre gut für ihre Partei bei der Bundestagswahl am 26. September? Eine Grün-Rot-Rote Regierung, also eine Koalition aus Bündnis 90/Die Grünen, SPD und Die Linke hält sie aktuell für ein unwahrscheinliches Szenario. Ihre persönlichen Ziele wären bei einer Regierungsbeteiligung ein deutschlandweiter Mietendeckel, ein Renteneintrittsalter von 65, das Rentenniveau zu stabilisieren, alle Rüstungsexporte zu stoppen, eine solidarische Gesundheitsversicherung, mehr Pflegekräfte und ein höherer Mindestlohn.

Die Erwartungen scheinen hoch, denn bei der letzten Bundestagswahl gelang der Linken in ihrem Wahlkreis eine kleine Sensation: Sie erhielt fast neun Prozent, während die Partei auf ganz Bayern gesehen nur fünf Prozent erzielte. Ob Gohlke am 27. September auf dem Georg-Freundorfer-Platz feiern kann, wird sich zeigen.

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