Tochter-Mutter-Gespräch zur DDR

„Es herrschte Misstrauen“

31.10.2019 – Esther bekam als DDR-Schülerin die schlechteste Note im Zeugnis, weil sie sich weigerte, im Sportunterricht zu schießen. Ihrer Tochter Gloria erzählt sie, was an der Schule und im Leben in der DDR allgemein anders war als heute.
Mutter und Tochter
„Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass politische Meinungsäußerungen gefährlich sein können“, sagt Esther. © privat

Wie sah dein Alltag in der DDR aus?

Er war geprägt von der Schule. Die Fächer, in denen wir unterrichtet wurden, waren aber ganz andere als eure. In der 7. und 9. Klasse hatten wir beispielsweise in „Wehrkunde“ Unterricht und lernten, wie man sich im Krieg verhalten muss. Unter anderem war es in der 9. Klasse verpflichtend, im Sportunterricht Schießen zu lernen. Auf meine Weigerung hin wurde ich zum Direktor bestellt und verhört: Gewissensgründe reichten ihm nicht aus und ich bekam eine Fünf – die schlechteste Note in der DDR – ins Zeugnis eingetragen.

Gab es noch andere Fächer, die es heute nicht mehr gibt?

Ja, zum Beispiel „Einführung in die sozialistische Produktion“. Dabei mussten wir am Fließband arbeiten und wurden für die Qualität und Schnelligkeit unserer Arbeit benotet.

Dann gab es „Staatsbürgerkunde“. Das war eine Kombination von Ideologie-Unterricht und Staatsgeschichte. Wir bekamen die „Errungenschaften des Sozialismus“ und das „glorreiche Leben eines DDR-Bürgers“ vermittelt.

Und was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Nicht viel. Ich lernte Blockflöte und ging zum Pfarrer in den katholischen Religionsunterricht. Für Sportvereine, Kino, Theater oder andere Freizeitaktivitäten hatten meine Eltern kein Geld. Außerdem gab es diese Vielfalt an Freizeitangeboten gar nicht. In ganz Dresden existierten nur zwei oder drei Kinos, die zensierte Filme abspielten. Das war also mehr Indoktrination als Freizeit. Freizeitparks, Trampolinhallen, Minigolf – sowas existierte nicht.

Welche Rolle spielte Politik in deinem Alltag?

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass politische Meinungsäußerungen gefährlich sein können. Gefährlich für mein Leben und das meiner Eltern. Diese Angst war allgegenwärtig. Auch weil wir sehr eindrücklich mitbekommen haben, was mit Menschen geschieht, die trotzdem ihre Meinung vertraten. Sie verschwanden in Gefängnissen und wenn sie jemals wieder auftauchten, waren sie menschliche Wracks. Meine Eltern erklärten mir sehr früh, dass diese Menschen durch Folter gebrochen worden waren. Deshalb haben wir immer versucht, möglichst unauffällig zu bleiben.

Und dann veränderte sich alles von einen Tag auf den anderen…

Genau. Als ich zwölf Jahre alt war, stellten meine Eltern einen Ausreiseantrag. Von diesem Tag an wurde ich von vielen Lehrern, obwohl ich mir nie etwas zu Schulden kommen ließ, wie eine Kriminelle behandelt. Sie nutzten jede Gelegenheit, mich zu demütigen und mir schlechte Noten zu geben. 

Gab es noch weitere Konsequenzen des Antrags?

Der Direktor der Schule bestellte mich mehrere Male aus dem Unterricht in sein Büro und befragte mich zum Ausreiseantrag meiner Eltern. Dann forderte er, dass ich mich von meinen Eltern lossagen solle, um in ein sozialistisches Heim zu ziehen. Er setzte mich unter Druck.

Wie haben dich denn deine Mitschüler behandelt?

Einige haben hämisch beobachtet, wie die Zuneigung der Lehrer kippte. Ein Mädchen, die Tochter des „Blockpolizisten“, durchsuchte regelmäßig in den Pausen meinen Schulranzen, um belastendes Material zu finden. Der Rest kapselte sich einfach nur ab, es herrschte Misstrauen. Meine Eltern, meine Schwester und ich, wir waren ab diesem Zeitpunkt Staatsfeinde und wurden dementsprechend behandelt.

Das heißt, es gab auch Konsequenzen außerhalb der Schule?

Ja. Meine Eltern, beide zuvor angesehene Ärzte, verloren ihre Arbeit und weil es in der DDR keine Arbeitslosen-Versicherung gab, hatten wir dann kein Geld mehr. Gar kein Geld.

Und wie ging es dann weiter?

Mein Vater hat durch Vermittlung des katholischen Bischofs einen Job als „Hakenhalter im OP“ des katholischen Krankenhauses in Dresden bekommen. Meine Mutter ‚durfte‘ bei einem Friseur um die Ecke ein paar Stunden pro Woche an der Kasse stehen. Meine Schwester und ich haben unser gesamtes Erspartes meinen Eltern gegeben, damit wir irgendwie über die Runden kamen.

Mir wurde nach der 10. Klasse der Weg zum Abitur verweigert, weshalb ich eine Ausbildung machte. Die Ausbildungsstelle fand ich jedoch nur dadurch, dass die Stasi dieses eine Mal den Ausbildungsbetrieb nicht rechtzeitig informiert hatte, dass ich eine Ausreisende bin. Sonst wäre ich auch dort, wie zuvor bei zahlreichen anderen Betrieben, abgelehnt worden.

Wie lange musstet ihr unter diesen Bedingungen leben?

Wir haben fast sechs Jahre auf den „Laufzettel“ gewartet, so nannte man die Ausreisebewilligung damals. In diesen sechs Jahren waren wir jeden Tag bereit, morgen das Land für immer zu verlassen. Unser ganzer Besitz stand in Kisten verpackt in der Wohnung und jeden Tag lief ich zum Briefkasten, in der Hoffnung, dass der Brief gekommen war.

Am 13. August 1989 kam der Brief. Und am 14. reisten wir nach Berlin und nach einem Aufenthalt im Lager Marienfelde und Befragungen der Behörden wurden wir von dort in den Westen ausgeflogen. 

Konntest du verstehen, warum deine Eltern den Antrag gestellt haben, obwohl sie wussten, dass euer Leben in der DDR dann extrem schwierig werden würde?

Ja, das konnte ich. Mein Vater hat mir erklärt, dass er im Krankenhaus, in dem er als Oberarzt arbeitete, nur eine bestimmte Anzahl an Medikamenten zur Verfügung hatte. Alle diese Medikamente mussten aus dem Westen importiert werden und waren dementsprechend teuer und rar. Es gab nicht genug Medikamente für alle seine Patienten, was bedeutete, dass er aussuchen musste, wen er behandelte und wen nicht. Die Menschen, die keine Medikamente bekamen, hatten wesentlich geringere Überlebenschancen. So konnte er nicht mehr arbeiten und hat uns daraufhin gesagt: „Ich muss dieses Land verlassen!“

Außerdem habe ich selbst gesehen, dass dieses System, diese Diktatur falsch war. Die Unfreiheit, in der wir lebten, war permanent spürbar.

Die Wende hast du dann nicht wirklich miterlebt, weil du in einem Internat im Westen dein Abitur nachgeholt hast. Bist du jemals wieder nach Dresden zurückgekehrt?

Ich konnte erst zehn Jahre später zurückkehren. Und selbst dann, ein Jahrzehnt nach der Ausreise, spürte ich wieder diese Unfreiheit, diesen Druck, dieses beklemmende Gefühl meiner Jugend, als ich durch die vertrauten Straßen lief. Die Erinnerung an meine Ohnmacht und die Ungerechtigkeit, die mir in der DDR widerfahren ist, haben mich wieder eingeholt. Ich habe lange gebraucht, um mich von diesen Erinnerungen frei zu machen.

Über Esther

Esther ist heute 48 Jahre alt. Zu DDR-Zeiten machte sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, da sie trotz guter Noten nicht zum Abitur zugelassen wurde. Nach ihrer Ausreise nach Westdeutschland holte sie ihr Abitur nach und studierte BWL. Heute arbeitet sie als Führungskraft für eine deutsch-französische Firma in der Elektrotechnik und verantwortet dort die Digitalisierung der Geschäftsprozesse. 

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