Experten-Interview

„Positive Haltung entwickeln“

04.03.2020 – Wie wächst eine Adoptivfamilie möglichst gut zusammen? Ina Bovenschen forscht seit Jahren zu diesem Thema. Ihre Erkenntnisse sind in den aktuellen Gesetzentwurf eingeflossen.
Porträt Dr. Ina Bovenschen.
„Die meisten Kinder beschäftigen sich vermehrt im Jugendalter mit ihrer Herkunft“, sagt Ina Bovenschen. © dji\außerhofer

Wie läuft eine Adoption ab?

Wenn Eltern nicht für ihr Kind sorgen können und überlegen, es zur Adoption freizugeben, nehmen sie Kontakt zu einer sogenannten Adoptionsvermittlungsstelle auf. Zunächst überlegen die Fachleute dort gemeinsam mit den Eltern, ob es Alternativen zu einer Adoption gibt. Würde vielleicht Unterstützung bei der Erziehung des Kindes helfen? Sollte es zeitweilig in einer Pflegefamilie leben? Wenn die Eltern sich trotzdem für eine Adoption entscheiden, werden sie über das Verfahren bei einer Adoption und auch über die Konsequenzen aufgeklärt: Sie verlieren zum Beispiel ihren Status als rechtmäßige Eltern und haben nach geltenden Gesetzen kein Recht auf Kontakt zu ihrem Kind.

Und wie läuft es auf der anderen Seite, also bei jenen, die ein Kind adoptieren möchten?

Auch Menschen, die ein Kind adoptieren möchten, wenden sich an eine Adoptionsvermittlungsstelle. Dort werden sie über den Ablauf und die rechtlichen Konsequenzen einer Adoption aufgeklärt. Danach besuchen sie Informationsveranstaltungen und erfahren zum Beispiel, welche besonderen Bedürfnisse Adoptivkinder haben. Und sie müssen sich einer Eignungsprüfung unterziehen. Wenn sie als Adoptiveltern geeignet sind, kommen sie auf eine Warte-Liste. 

Und dann? Wie kommen die Kinder und die neuen Eltern zusammen?

Wenn nun ein Kind in eine Adoptivfamilie vermittelt werden soll, schaut die Vermittlungsstelle, welche Bewerber am besten passen. Diesen Vorgang bezeichnet man als „Matching“. Wenn das Kind alt genug dafür ist, wird es in die Entscheidung mit einbezogen. Es zieht dann zunächst für ungefähr ein Jahr zu der Familie; diese Zeit nennt man Adoptionspflege. Erst nach dieser Kennenlernphase können die Eltern einen Antrag auf eine Adoption stellen und zu seinen rechtlichen Eltern werden.  

Was ist wichtig, damit die Adoptivfamilie wirklich zusammenwächst?

Wie gut das gelingt, hängt natürlich vom Einzelfall ab, besonders auch davon, was die Kinder an möglicherweise schwierigen Erfahrungen mitbringen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass das Zusammenwachsen in der Regel einfacher verläuft, wenn die Adoption früh geschieht, wenn das Kind also noch sehr jung ist. 

Ob das Kind in der Familie sichere Bindungen aufbaut, hängt vor allem von den Adoptiveltern ab. Deshalb ist es wichtig, dass sie gut vorbereitet sind, damit sie mit schwierigen Situationen richtig umgehen können. Auch im weiteren Verlauf ist es wichtig, dass Experten die Familie begleiten und unterstützen. 

Wann sollte ein Kind gegebenenfalls erfahren, dass es adoptiert ist? Und: Sollte es Kontakt zu seinen leiblichen Eltern haben? 

Dieses Thema ist für viele adoptierte Kinder beziehungsweise Jugendliche sehr wichtig. Es sollte von Anfang an besprochen werden. Wir nennen das „Aufklärung schon auf dem Wickeltisch“. Bei kleinen Kindern kann man zum Beispiel über die leibliche Mutter sprechen und ein Foto von ihr aufstellen. Das Kind wächst dann bewusst mit dem Thema Adoption auf und kann dazu eine positive Haltung entwickeln. Wenn das Thema dagegen erst spät besprochen wird, kann das die Situation für alle Beteiligten erschweren. Die meisten Kinder beschäftigen sich vermehrt im Jugendalter mit ihrer Herkunft und ihren leiblichen Eltern, wenn sie ihre Persönlichkeit entwickeln. Dabei ist es wichtig, dass sie möglichst viel über ihre Herkunft erfahren – auch darüber, was die Gründe für die Adoption waren. 

In Deutschland wurden in den letzten Jahren immer weniger Kinder adoptiert. Woran liegt das?

Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Grund ist, dass es mittlerweile viele Beratungsangebote gibt, die Familien dabei helfen, ihr Kind bei sich zu behalten. Und nicht nur die Beratung ist besser geworden, sondern auch die Möglichkeiten etwa für finanzielle Unterstützung und Kinderbetreuung. Schließlich lässt sich ein gesellschaftlicher Wandel der Familienbilder beobachten: Früher wurden zum Beispiel alleinerziehende Mütter gesellschaftlich stigmatisiert und dachten deshalb vielleicht eher über eine Adoption nach. Heute ist das glücklicherweise nicht mehr der Fall, junge Mütter erfahren mehr Unterstützung. 

Was könnte man tun, um Familien die Adoption zu erleichtern?

Ich denke, Adoptionen sollten gar nicht erleichtert werden. Vielmehr sollte die Unterstützung der Kinder und die Beratung der Familien noch weiter verbessert werden. Es gibt allerdings eine Gruppe von Kindern, bei denen es bisher nur selten zu einer Adoption kommt, für die das aber eine positive Perspektive sein könnte: Das sind Kinder in sogenannten Dauerpflegeverhältnissen. Zwar ist im Gesetz verankert, dass nach einem längeren Aufenthalt in einer Pflegefamilie die Möglichkeit einer Adoption geprüft werden soll. In der Praxis werden Pflegekinder aber nur selten adoptiert. 

Warum ist das so?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manchmal willigen die leiblichen Eltern nicht ein, weil sie ihre Elternrechte nicht endgültig verlieren wollen. Oder die Pflegeeltern können sich eine Adoption nicht vorstellen, weil sie danach kein Pflegegeld mehr bekämen. Unsere Forschung hat allerdings gezeigt, dass in vielen Fällen auch einfach nicht über die Möglichkeit einer Adoption gesprochen wird. Das ist schade.

Sie sind am Expertise- und Forschungszentrum Adoption tätig, das von der Regierung in der letzten Legislaturperiode eingerichtet wurde, um das Thema Adoption besser zur erforschen. Wie machen Sie das genau?

Vor 2015 gab es auf diesem Gebiet kaum Forschung in Deutschland. Zunächst haben wir also die rechtlichen Grundlagen und die Adoptionspraxis recherchiert und dabei auch einen Blick ins Ausland geworfen.

Außerdem haben wir mehrere Studien durchgeführt. Dafür haben wir zum Beispiel Adoptionsstellen und Fachkräfte kontaktiert und sie etwa gebeten, uns anonym Fälle von Stiefkind- und Fremdadoptionen zu schildern. Wir haben mit Herkunftsfamilien und Adoptiveltern gesprochen, beispielsweise darüber, wie gut sich beraten gefühlt haben, wie die Adoption verlief und wie es ihnen und den Kindern heute geht. 

In Workshops haben wir mit Experten aus Praxis, Wissenschaft und Politik die Weiterentwicklung des Adoptionswesens in Deutschland diskutiert. 

Die Ergebnisse all dessen haben wir ausgewertet und Empfehlungen formuliert. Diese sind in den Prozess des Gesetzentwurfs eingeflossen. Als Nachfolgeprojekt erarbeiten wir aktuell eine Handreichung für Fachkräfte in Adoptionsvermittlungsstellen.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Forschungen? 

Zum einen die teilweise Überlastung der Adoptionsvermittlungsstellen: Adoption ist leider in der Praxis eher ein ‚Randthema‘, da die Fallzahlen vergleichsweise klein sind. Die fachlichen und finanziellen Ressourcen sind daher oft knapp, sodass es in einem Teil der Vermittlungsstellen weniger Fachberater gibt, als es im Gesetz vorgeschrieben ist. 

Ein anderes wichtiges Thema ist der Kontakt und Informationsaustausch zwischen der Herkunftsfamilie und der Adoptivfamilie. Hier ist noch viel zu tun, denn häufig gibt es keinen oder nur sehr wenig Kontakt. Unsere Forschung zeigt aber, dass er für alle Beteiligten wichtig ist, vor allem aber für die Kinder.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Herkunftseltern immer noch oft Stigmatisierung erleben und es zu wenige Angebote für sie gibt, mit der Trauer nach der Adoption umzugehen. Oft kämpfen sie ein Leben lang mit ihrer Entscheidung. Wir brauchen mehr gesellschaftliche Akzeptanz für die immer schwere Entscheidung, ein Kind zur Adoption freizugeben. 

Über Ina Bovenschen

Dr. Ina Bovenschen ist Diplom-Psychologin, wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut e.V. und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FAU Erlangen-Nürnberg. Von 2015 bis 2017 war sie wissenschaftliche Koordinatorin des Expertise- und Forschungszentrums Adoption. 

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