Portrait

Zahnstocher mit Flagge

04.04.2019 – Ann-Marie Freimark gehört der dänischsprachigen Minderheit in Deutschland an: In Flensburg aufgewachsen und verwurzelt in Dänemark, lebt sie beide Nationalitäten gleichermaßen. Wie die 22-Jährige das macht und wie sie sich für ihre Gruppe einsetzt, hat Lea sie gefragt.
Ann-Marie Freimark ist zweisprachig aufgewachsen und engagiert sich seit ihrer Schulzeit für die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein. © privat

Knapp zehn Kilometer trennen Ann-Maries Heimat von Dänemark. Während sich die Landesgrenze wie eine unverrückbare Linie durch die Landkarte zieht, sind sprachliche und kulturelle Grenzen in dieser Gegend fließend: "Ich bin ein typisches süd-schleswiger Kind. Meine Mutter sprach kein Wort Dänisch, bevor sie meinen Vater kennenlernte", sagt sie. Da Ann-Maries Familie väterlicherseits aber seit Generationen der dänischen Minderheit angehört, wuchsen sie und ihr Bruder auch mit dieser Sprache auf.

100.000 Menschen

Fast 100.000 Menschen gehören der dänischen Minderheit in Deutschland an, so eine Studie der Uni Hamburg aus dem Jahr 2015. Sie verteilen sich über Schleswig-Holstein und Hamburg. Umgekehrt lebt in Nordschleswig im Königreich Dänemark übrigens auch eine deutsche Minderheit.

Politisch ist die Minderheit sogar durch eine eigene Partei vertreten, den Südschleswigschen Wählerverband. Die im Landeswahlgesetz von der Fünfprozentklausel befreite Partei ist im Schleswig-Holsteinischen Landtag sowie in zahlreichen Gemeinde- und Kreisvertretungen präsent. Darüber hinaus gibt es dänische Kindergärten, Schulen, Jugendclubs und Kultureinrichtungen.

Möchte sich nicht entscheiden

In Flensburg besuchte Ann-Marie einen dänisch-sprachigen Kindergarten – später eine dänische Schule in Flensburg. Heute studiert sie unter anderem Deutsch im dänischen Haderslev. In welchem Land die Lehramtsstudentin mal unterrichten wird, weiß sie noch nicht. Beide Optionen stehen ihr offen.

Privat möchte sich Ann-Marie (22) nicht für eine Sprache oder Kultur entscheiden. Obwohl sie mit Mann und Tochter in Flensburg lebt, prägt das Dänische ihr Leben. Es sind die kleinen Traditionen, an denen Ann-Marie bewusst festhält: an Geburtstagen zum Beispiel ein Zahnstocher mit der dänischen Flagge im Kuchen, oder der typisch dänische Weihnachtskalender, bei dem eine Kerze jeden Tag im Dezember ein Stück hinunterbrennt.

Dänische Kinderlieder

Dass Rituale und Traditionen weitergegeben werden, kennt sie aus ihrer eigenen Kindheit. Oft habe ihr Großvater mit ihr dänische Kinderlieder gesungen und sie so ganz unbewusst an die Wurzeln ihrer Familie herangeführt, erinnert sich Ann-Marie. Dasselbe verfolgt sie bei der Erziehung ihrer eigenen Tochter: "Natürlich könnte ich da jetzt ganz sprachtheoretisch rangehen – das Dänische ab und an mal in den Alltag einzubauen, fühlt sich aber viel natürlicher an."

Ressource für Deutschland

Der Schutz der dänischen Sprache liegt ihr auch außerhalb der Familie am Herzen. So hilft Ann-Marie zum Beispiel bei der Organisation des Dänischen Jahrestreffens in Flensburg – einer Veranstaltung mit Open-Air Charakter, die für alle zugänglich ist. An verschiedenen Ständen können sich Interessierte hier über Dänisch als Minderheitensprache informieren. Für Angehörige der Minderheit dient das Treffen natürlich auch zum Austausch – oft auch auf politischer Ebene. "Das Dänische ist eine riesige Ressource für Deutschland. Die Beziehung zwischen beiden Ländern wäre ohne diese Minderheit heute nicht dieselbe", meint Ann-Marie.

Minderheit stark machen

Die Wichtigkeit des Minderheitenschutzes ist auch vielen Jugendlichen bewusst. In ihrer eigenen Abiturzeit mobilisierte Ann-Marie Mitschüler für Demos – gemeinsam entwarfen sie Plakate und verkauften T-Shirts. "Ich habe selten einen Mitschüler getroffen, dem seine Wurzeln vollkommen egal waren", so Ann-Marie. Die meisten seien stolz auf ihre Identität, so auch Ann-Marie. Gerade deshalb ist sie überzeugt davon, dass effektiver Minderheitenschutz bei Jugendlichen beginnen müsse: "Bei Schüleraustauschen zum Beispiel, bei deinen junge Menschen aktiv mit einbezogen werden." In Deutschland gibt es übrigens weitere Minderheitensprachen. Darunter fallen Nordfriesisch, Saterfriesisch, Dänisch, Sorbisch, Wendisch und Romani. Der Bundestag hat kürzlich bekräftigt, dass sie gestärkt werden sollen.

Schaut auf uns!

Ann-Marie ist überzeugt, dass das Lernen und Erhalten der dänischen Sprache kein Kunststück ist. Mit Freunden mal Dänisch und mal Deutsch sprechen zu können und beide Sprachen zu verstehen, erleichtere ihren Alltag, erklärt sie. Wenn zum Beispiel dänische Touristen in ihrer Heimat nach dem Weg fragen, hilft sie ihnen in deren Muttersprache. Jene banalen Dinge rufen Ann-Marie ihren Ursprung immer wieder ins Bewusstsein. Gleichzeitig wünscht sie sich mehr öffentlichen Raum für die dänische Minderheit: "Vor allem in Bezug auf die Globalisierung kann es nicht schaden, mal in den Norden zu schauen. Nicht immer nur in den Westen oder Süden. Es steckt viel Potenzial bei uns."

Lea Stratmann

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