Damals mit 19...

„Ich saß heulend vor dem Fernseher“

30.09.2020 – Sie ist in Berlin geboren, studierte zur Zeit der Wiedervereinigung in Heidelberg und ging danach zum Referendariat nach Brandenburg: Katja Keul von den Grünen erinnert sich an Ost-West-WG-Gespräche.
Porträt der Abgeordneten Katja Keul
„Für uns war diese Mauer ja immer da gewesen. Niemand konnte sich vorstellen, dass das jemals endet“, erzählt Katja Keul (Bündnis 90/Die Grünen). © Deutscher Bundestag/Thomas Koehler

Am 3. Oktober 1990 waren Sie 19 Jahre alt. Wie haben Sie die Wiedervereinigung Deutschlands erlebt?

Der emotionalere Tag war für uns damals der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls. Wie ich den verbracht habe, weiß ich genau. Ich hatte gerade angefangen, in Heidelberg zu studieren und wohnte vorübergehend bei meinen Großeltern, weil ich noch kein WG-Zimmer gefunden hatte. Im Fernseher liefen abends die Bilder von zehntausenden Menschen, die auf den Straßen feierten, auf die Mauer kletterten, auf die andere Seite sprangen. Ich saß heulend davor. Weil das einfach etwas war, was wir uns alle nicht hätten vorstellen können. Für uns war diese Mauer und waren diese zwei Staaten ja immer da gewesen. Niemand konnte sich vorstellen, dass das jemals endet.

Wie haben Sie die politischen Ereignisse danach erlebt?

1990 war dann die erste Bundestagswahl, an der ich teilnehmen durfte. Wir haben damals auch über den richtigen Weg zur Wiedervereinigung diskutiert. Manche wollten eine neue Verfassung für das neue, wiedervereinigte Deutschland – statt nur einen Beitritt der ehemaligen DDR zur bisherigen Verfassung. Ich konnte das durchaus nachvollziehen. Im Nachhinein denke ich allerdings, dass es richtig war die Gunst der Stunde zu nutzen, solange die internationale Unterstützung da war.

Im Studium kamen dann auch Studenten aus den ostdeutschen Bundesländern zu uns nach Heidelberg. Es gab einen, der bei uns in die WG einzog, der kam mit einem grünen Trabi. Da saßen dann die Jungs in der WG-Küche und tauschten sich über ihre Wehrdienst-Zeiten aus – die Bundeswehr auf der einen Seite und die Volksarmee auf der anderen. Das war Geschichte, die uns ganz persönlich und emotional begleitet hat. 

Sie sind in Berlin geboren, haben in Heidelberg studiert und Ihr Referendariat in Brandenburg gemacht, jetzt leben Sie in Niedersachsen. Haben Sie durch diese vielseitigen Erfahrungen einen besonderen Blick auf das Thema Deutsche Einheit?

Ich habe mich nach dem Studium in Heidelberg sehr bewusst für Brandenburg entschieden. Weil ich gedacht habe: Ich will das kennenlernen, bevor es sich verändert. Denn es war ja klar, dass sich in den kommenden Jahren dort viel bewegen würde.

Ich habe 1994/95 in Berlin-Friedrichshain gewohnt und bin von dort nach Brandenburg gependelt. Wenn ich jetzt durch die Straßen dort laufe, sind sie überhaupt nicht wiederzuerkennen. Damals gab es nichts, keine Läden, keine Kneipen, gar nichts. Ich hatte kein Telefon, wir haben abends vor den wenigen Telefonzellen in Friedrichshain Schlange gestanden. Das erlebt zu haben, finde ich schon wichtig. Wenn ich heute meinen Kindern davon erzähle, können die sich das kaum vorstellen.

Ihr Wahlkreis Nienburg/Schaumburg in Niedersachsen liegt relativ weit von den neuen Bundesländern entfernt. Hat sich dort durch die Wiedervereinigung überhaupt viel geändert?

Ich glaube, zur Zeit der Wiedervereinigung war schon in ganz Deutschland Bewegung. Neue Leute kamen dazu, andere zogen weg. Aber inzwischen geht das in den westlichen Ländern schon wieder seinen gewohnten Gang. Die Strukturen sind dort, anders als im Osten, ja nicht fundamental verändert worden.

Was denken Sie: Wie weit ist die Deutsche Einheit vollzogen? Was haben wir noch vor uns? Und was ist Ihnen dabei wichtig?

Es ist schon noch einiges zu tun. Als Juristin schaue ich besonders auf die rechtlichen Themen. Da hat man es fast geschafft. Nur die Renten und die Löhne müssen irgendwann noch wirklich angeglichen werden, so dass es keine Unterschiede mehr gibt.

Ein anderes Thema, das mir wichtig ist, weil wir es oft gar nicht so präsent haben, ist die Aufarbeitung des SED-Unrechts. Die Opfer leben ja noch unter uns. Sie anzuerkennen und zu entschädigen – das ist noch eine Herausforderung, mit der wir uns beschäftigen müssen.

Am Ende ist der gesellschaftliche Zusammenhalt das Wichtigste. Der ist im Moment fragil, wir erleben sehr viel Polarisierung. Das liegt sicher nicht nur, aber auch an der früheren Teilung Deutschlands. Wir müssen zu einem stabilen Zusammenhalt finden.

Was werden Sie am 3. Oktober machen?

Der 3. Oktober ist dieses Jahr ein Samstag zwischen zwei Sitzungswochen. Ich komme also am Freitag aus Berlin und fahre am Montag wieder dorthin. Den 3. Oktober werde ich dazu nutzen, mich zu erholen. Aber natürlich wird mich auch das Thema 30 Jahre Deutsche Einheit beschäftigen – auch wenn der große Staatsakt, den es sonst an diesem Tag gibt und an dem ich auch schon teilgenommen habe, in diesem Jahr Corona-bedingt nicht stattfinden kann.

Über Katja Keul

Katja Keul hat Jura studiert und ist seit 2006 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen. Die 50-Jährige sitzt seit 2009 im Bundestag, unter anderem ist sie dort Obfrau im Unterausschuss Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Profil auf bundestag.de.   

(jk)

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