Geschichte

Neues Zentrum über Nazi-Zeit geplant

20.07.2022 – Ein Dokumentationszentrum soll an die Zeit von 1939 bis 1945 erinnern. Aber wie sollte so ein Erinnerungsort heute aussehen? Darüber stritten die Abgeordneten im Plenum.
Jugendliche in der Gedenkstätte "Topografie des Terrors"
Erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus, hier in der Gedenkstätte Topografie des Terrors in Berlin. © DBT/Stella van Saldern

Von 1939 bis 1945 dauerte der Zweite Weltkrieg. Deutschland hatte ihn unter der Herrschaft der Nationalsozialisten und ihres Führers Adolf Hitler begonnen. Dieser Krieg und die Verbrechen der Deutschen prägen Europa bis heute.

„Etwa 230 Millionen Menschen in heute 27 europäischen Staaten haben unter der von extremer Gewalt geprägten deutschen Besatzung gelebt. Der Großteil der vielen Millionen Toten waren Zivilistinnen und Zivilisten. Der Gewalt lag eine radikale Rassenideologie zugrunde", schreibt die Bundesregierung in einer aktuellen Unterrichtung an den Bundestag.

Zur Erklärung: Die Nazis teilten Menschen in Gruppen ein und behaupteten, es gebe „höherwertige“ und „minderwertige“. Diese Gruppen nannten sie Rassen. Ganz unten standen für die Nazis zum Beispiel Jüdinnen und Juden.

In Deutschland sei das Wissen über die deutsche Kriegführung und die deutsche Gewaltherrschaft außerhalb der Wissenschaft gering, argumentiert die Bundesregierung. Das soll sich bald ändern, und zwar mit einem Dokumentationszentrum „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa“.

Ein Plan liegt auf dem Tisch

Die Errichtung dieses Zentrums hat der Bundestag im Oktober 2020 beschlossen. Nun liegt ein Realisierungsvorschlag für das Zentrum vor, den die Abgeordneten des Bundestages Ende Juni in erster Lesung berieten.  

Der Vorschlag sieht eine ständige Ausstellung zu der Zeit zwischen 1939 und 1945 sowie Wechselausstellungen vor. Letztere sollen thematisch auch bis in die Gegenwart reichen. Außerdem soll es Bildungsangebote für Schülerinnen und Schüler, Online-Formate und sogenannte Fellowship-Programme (eine Förderung für Doktoranden, also Leute, die eine Doktorarbeit schreiben) geben.

Staatsministerin Roth: „Moralische Pflicht und politische Verantwortung“

Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen), Staatsministerin für Kultur und Medien, sprach von der „moralischen Pflicht und politischen Verantwortung“ Deutschlands, die Erinnerung wachzuhalten und die Gegenwart und Zukunft entsprechend zu gestalten. Man höre oft Sätze wie „Über den Zweiten Weltkrieg weiß man doch schon genug.“ Die Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit könne aber niemals beendet sein, denn sie bedeute, Erkenntnisse für Gegenwart und Zukunft zu bewahren.

Roth nannte das vorliegende Papier einen „überzeugenden Vorschlag“, der der „historischen Aufgabe“ gerecht werde. Sie freue sich auf den Dialog dazu.

Union: „Noch intensiver Beratungsbedarf”

Dorothee Bär (CDU/CSU) gab zu bedenken, dass man heute vor einer anderen Situation stehe als 2020. Die deutsche Erinnerungskultur stehe vor einem „Neuanfang“, da man sich fragen müsse: „Wie gehen wir mit einem Kriegsende um, wenn in Europa ein neuer Krieg herrscht?“ Russland missbrauche die Geschichte des Zweiten Weltkrieges für die Legitimierung seines Krieges gegen die Ukraine, das müsse man bei der Aufarbeitung heute mit bedenken. Insofern sehe die Unionsfraktion noch „intensiven Beratungsbedarf“.  

SPD: „Deutschland hat eine gute und kritische Erinnerungskultur“

Marianne Schieder (SPD) sagte: „Wir stehen ungebrochen in der Verantwortung, den Opfern würdig zu gedenken, die Verbrechen aufzuarbeiten und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht.“ Deutschland habe „eine gute und kritische Erinnerungskultur“, eine vielfältige Gedenkstättenlandschaft und gute Bildungsarbeit. Dennoch gebe es Lücken. So wisse die Bevölkerung nicht genug über die Besatzungsherrschaft der Nationalsozialisten. Deshalb sei das neue Zentrum eine wichtige Ergänzung zu bestehenden Formaten.  

AfD: „Wie viele Dokumentationszentren wollen Sie denn noch bauen?“

Marc Jongen (AfD) schickte seiner Rede voran, das nationalsozialistische Regime habe „ein Verbrechen von historischer Monstrosität“ begangen. Allerdings gebe es in Deutschland schon sehr viele Gedenkstätten. Trotzdem gebe es Fälle von Hass gegen Juden wie kürzlich auf der Weltkunstschau Documenta in Kassel. Dort gab es einen Skandal, weil ein indonesisches Künstlerkollektiv eine Installation mit judenfeindlichen Darstellungen gezeigt hatte. Staatssekretärin Roth sei für die Ausstellung, so Jongen, mitverantwortlich gewesen. „Wie viele Dokumentationszentren wollen Sie denn noch bauen, damit diese Heuchelei endlich aufhört?“, fragte Jongen. Das „exzessive Zelebrieren der deutschen Schuld und Verantwortung“ der Bundesregierung sei unglaubwürdig.  

FDP: „Erinnern kennt keinen Schlussstrich“

Thomas Hacker (FDP) begann: „Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt.“ Und weiter: „Alte Wunden sind wieder aufgebrochen“. Gerade deshalb brauche es das Dokumentationszentrum. Denn: „Unser Erinnern ist kein Selbstzweck“, es sei vielmehr immer auch „Auftrag für die Zukunft“. „Erinnern kennt keinen Schlussstrich“, sagte Hacker. Die Aufgabe des Zentrums sei es, „Menschen zu versöhnen, die Jugend zu sensibilisieren und Zukunft zu ermöglichen“. Das könne nur im kontinuierlichen Dialog mit europäischen Opferverbänden und anderen Betroffenen gelingen.

Linke: „Einige Leerstellen“

Jan Korte (Die Linke) begann mit einem Lob für den Realisierungsvorschlag. Er sei „eine sehr gute Grundlage“ – habe allerdings auch „einige Leerstellen“. So forderte er eine klarere „Einordnung des völlig entgrenzten Vernichtungskrieges der Nationalsozialisten gegen den Osten“. Besonders den Grünen und namentlich deren Abgeordneten Jürgen Trittin, den er aus einem Interview zitierte, warf er vor, den Zweiten Weltkrieg mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine zu vergleichen. Das sei „nichts anderes als eine Relativierung der Verbrechen des deutschen Faschismus“.  

Grüne: „Wer sich der Vergangenheit nicht stellt, kann die Zukunft nicht gewinnen“

Erhard Grundl (Bündnis 90/Die Grünen) bekräftigte die Notwendigkeit des Gedenkens: „Wer sich der Vergangenheit – und sei sie auch noch so schmerzlich – nicht stellt, der kann die Zukunft nicht gewinnen.“ Nur eine lebendige Erinnerungskultur könne Deutschland davor schützen, „wieder zur Täternation zu werden“.

Hier seht ihr die ganze Debatte im Video:

(jk)

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