USA-Stipendiat

Finn, 15, Ohio

10.05.2019 – Finn besucht ein Tierheim und Chicago – und erlebt eine spektakuläre Prom-Nacht mit Tanz, Schlangen und Hypnose. Hier bloggt der Stipendiat von seinem Jahr in den USA.

April 2019: Chicago, Prom und vor allem: Afterprom

Schulstress und Tierheim

Mein April war definitiv alles andere als entspannt. „Spring-Break“ war nah und in den letzten Wochen vor diesen lang ersehnten Ferien gaben unsere Lehrer uns noch einmal ordentlich Hausaufgaben auf. Dazu kamen dann noch in meinem Fall die Theaterproben, jeden Tag nach der Schule, für das Musical im Mai.

Trotzdem schaffte ich es, mir einen Samstag frei zunehmen, um mit meiner Gastmutter und meiner Gastschwester ins städtische Tierheim zu fahren, in dem ich schon früher freiwilligen Dienst geleistet hatte. Zusammen wählten wir zwei außerordentlich verspielte Hunde aus, um mit diesen eine kleine Wanderung durch die umliegenden Wälder machten, was die beiden, die sonst den ganzen Tag in ihrem Käfig sitzen mussten, sehr freute. Ich genoss dies besonders da wir endlich einmal wieder etwas als Familie unternahmen, was unter der Woche oftmals sehr schwierig war.

Chicago

Glücklicherweise waren die letzten Schultage dann auch bald vorbei und die Ferien standen vor der Tür. Meine Gastfamilie beschloss, dass wir die Ferienwoche in Chicago verbringen würden um meiner Gastschwester Laura und mir noch mehr von den USA zu zeigen.

Chicago war definitiv atemberaubend. Die verschiedenen Architektur-Styles gaben der Stadt einen besonderen Flair, überall wo alt und neu zusammen trafen. Es war eine äußerst belebte Stadt, die viel Wert auf Kultur legte. Von der klassischen Chicago Pizza mit gigantischem Rand bis hin zu einem leckeren Spanischen Frühstück, die kulinarische Vielfalt wurde von uns sehr geschätzt. Vor allem aber war Chicago eine Stadt, die viele interessante Aktivitäten zu bieten hatte. Meine Gastmutter und ich zog es zu den verschiedenen sehr interessanten Wissenschaftsmuseen, und wir schätzten besonders das 4D-animierte Kino, das uns auf eine Reise in die Tiefen des Weltalls mitnahm. Laura zog das Kunst Museum vor, mit allerlei Staturen und Gemälden aus jeder wichtigen Epoche der Kunstgeschichte.

Absolutes Highlight war aber für mich als Theater-Nerd, als wir die Broadwayshow „Hamilton“ im CBIC sehen gingen. Dies war das erste Musical, das ich jemals live gesehen hatte und sogleich riss es mich in den Bann. Das Set, die Schauspieler und die lyrische Exzellentes sowie die spektakuläre Choreographie beeindruckte mich als angehender Schauspieler, Autor und Regisseur zutiefst und den Rest des Urlaubs sang ich jede freie Sekunde nur noch Lieder von „Hamilton“, sehr zum Missfallen von meinen Mitmenschen.

Prom

Und dann war es endlich soweit, es war Zeit für die berühmte „Prom“. Zunächst einmal musste ich ein Mädchen zur Prom fragen, ganz klassisch, wie es sich gehört. Dafür bereitete ich ein Schild vor und bewaffnete mich mit Cupcakes, um meine gute Freundin Paige zu bitten, mein Date zu sein, worauf sie glücklicherweise ja antwortete J. Danach musste ich mir einen Anzug ausleihen, ebenfalls eine Tradition, wobei einem bei den Preisen schon schlecht werden konnte.

Trotzdem war es das am Ende wert, denn der ganze Abend war einfach nur wunderbar. Paige und ich gingen mit einer Gruppe von Freunden zunächst Essen in einem kleinen, aber sehr gemütlichen spanischen Resteraunt und danach ging es dann zum formalen Teil der Prom in der eleganten Musikhalle von Cincinnati. Dort traf man all seine Freunde, jeder äußerst schick gekleidet; wobei es einen kleinen Skandal gab, als zwei Mädchen feststellten, dass sie dasselbe Kleid trugen. 

Es gab Getränke und Tanz und außerdem auch eine Foto-Booth, perfekt um noch schnell Erinnerungsbilder zu machen. Später wurden dann auch noch der Prom-King und die Prom-Queen verkündet und als nach mehreren Slowdance-Songs schließlich „Old town road“ gespielt wurde, stürmte jeder auf die Tanzfläche. 

Afterprom

Das ganze Spektakel ging bis Mitternacht, dann nach einem Kleiderwechsel in bequemere Sachen ging es zurück zur Schule, wo der spaßigere Part des Abends begann: Afterprom! Es gab Berge an Essen und Snacks und die sonst grauen Klassenzimmer waren wundervoll dekoriert mit bunten Lichtern und einer Nebelmaschine – alles im Motto des Abends: „Pop-Kultur“. 

In jedem Raum gab es etwas Neues zu entdecken, man konnte eine Karikatur von sich zeichnen lassen, seine Hand in Wachs nachmachen lassen oder ein Foto mit einer riesigen Schlange machen. Es gab Karaoke, eine gigantische Hüpfburg-Arena und unzählige Gewinnspiele, bei denen man Gutscheine, elektronische Geräte und unter anderem bis zu 500 Dollar in bar gewinnen konnte. 
Gelangweilt war definitiv niemand und als zum Abschluss des informellen Teils der Prom dann noch ein Hypnotiseur in einer großen Show acht Schüler dazu brachte, Luftgitarre zu spielen oder wie verrückte über die Bühne zu hüpfen, verwandelte sich die Müdigkeit auch schnell in Gelächter.
Und als ich dann um 4 Uhr morgens mit vollem Magen und 10 Dollar reicher ins Bett fiel, wusste ich, dass die amerikanischen Filme nicht übertrieben hatten.

Prom is truly an awesome experience!

März 2019: Theater, Theater und noch mehr Theater

Aufführung und Casting

Anfang Februar fand die erste Aufführung des Theaterstücks "Twelve angry Jurors" statt, in dem ich "Juror 7" spielte. Ironischerweise war mein Charakter ein europafeindlicher US-Amerikaner, was für mich eine Menge Arbeit bedeutete, da ich meinen Akzent für das Stück so gut wie möglich loswerden musste.

Kaum war die letzte Aufführung vorbei, stand dann schon das Casting für die nächste Show "Joseph & the Amazing Technicolor Dreamcoat" an. An meiner Highschool werden jedes Schuljahr drei Theaterstücke produziert. Da ich noch nie zuvor in einem Musical mitgespielt hatte, war ich vor dem Casting sehr nervös. Glücklicherweise wurde ich wieder ausgewählt, dieses Mal als einer von zwölf Brüdern.

Verkleidet auf die Convention

Außerdem hatte ich an einem Wochenende im März die Chance, auf die "Animatic Con 2019" zu gehen. Eine Convention, bei der Künstler ihre Werke ausstellen und man verschiedene Fan-Artikel von TV-Shows und Filmen kaufen konnte, wobei der Erlös Kindern mit Autismus zugute kommt.

Zu dieser Convention gehörten auch Kostüme. Meine Freunde verkleideten sich daher als Disney-Prinzessinnen, und ich ging als "Castiel" von meiner Lieblings-TV-Show "Supernatural".

Und noch mehr Theater

Ohne Verschnaufpause kam dann schon das nächste große Event am nächsten Wochenende, die "Thespian State Conference". Dies war ein gigantisches Treffen, das sich über drei Tage erstreckte, bei dem Theaterinteressierte Highschool-Schüler aus ganz Ohio zusammen kamen, um sich auszutauschen und mehr über Theater zu lernen. Man konnte sich verschiedene Shows von verschiedenen Highschools aus dem Staat anschauen oder einen der unzähligen Workshops besuchen. Egal, ob man Interesse an Kostümnähen, Set-Design, Schauspielen für die Kamera, Singen oder Stunt-Fighting hat, es gab für jeden einen Workshop bei dem man von Profis lernen konnte und Insider-Tipps bekam.

Hartes Training zahlt sich aus

Highlight des Wochenendes waren allerdings die "Individuell Events". Jede Schule konnte einen Schüler für jede Wettkampf-Kategorie mitbringen (Monologe, Musical-Theater, Tanz und Pantomime) und jeder Schüler führte dann sein Stück vor einer Jury auf, die daraufhin folgende Wertung vergab: fair, gut, exzellent, superior.

Ich war unser Abgesandter für Pantomime, dementsprechend hatte ich im Vorfeld drei Wochen lang daran gearbeitet, meine Aufführung perfekt zu machen. Am Ende zahlte sich meine harte Arbeit aus, da ich von beiden Richtern die Bestnote "superior" bekam. Damit durfte ich mein Stück vor den über 100 Anwesenden vorführen und qualifizierte mich außerdem für den USA-weiten Wettkampf – definitiv mein Highlight des Monats.

Nur noch zwei Monate

Schlussendlich fand dann am darauffolgenden Donnerstag noch eine Talentshow in meiner Schule statt, mit vielen verschieden coolen Acts. Am Ende kamen alle Teilnehmer auf die Bühne und spielten zusammen das Lied "September" von der Band "Earth, Wind And Fire" auf Kazoos.

Jetzt sind fast nur noch zwei von meinen ursprünglichen acht Monaten übrig, bevor ich schon wieder zurück nach Deutschland komme. Aber bis dahin genieße ich mein Leben in den USA noch in vollen Zügen und nehme jede neue Erfahrungen mit, die ich kriegen kann.

Dezember: Einiges zu feiern

Anfang Dezember hatte das Theaterstück "It’s a wonderful life" Premiere, bei dem ich die Chance hatte, als Schüler-Regisseur mitzuwirken. Im Rahmen der Theater-AG habe ich viele meiner neuen Freunde kennengelernt und außerdem einen interessanten Einblick hinter die Kulissen des sehr gut ausgestatteten Schultheaters bekommen. Ich war ein wenig traurig, als es schließlich vorbei war, aber umso stolzer auf meine Arbeit der letzten Monate, die sich am Ende ausgezahlt hatte. Zu meiner großen Freude erfuhr ich wenige Tage später, dass ich auch für das nächste Stück "twelve angry men" als Schauspieler gecastet worden war, welches im Februar seine erste Aufführung haben wird.

Nach Washington D.C.

Ebenfalls noch im Dezember machte ich mich, im Rahmen meines Stipendiums, zu einer spannenden Fortbildungswoche nach Washington D.C. auf. Dort angekommen, durften ich und die anderen 100 deutschen Stipendiaten nicht nur das Herz der USA erkunden, sondern konnten uns auch gleich näher kennenlernen und dies im wahrsten Sinne des Wortes: Je vier Stipendiaten wohnten in einem Zwei-Bett-Zimmer. Abgesehen davon gab es eine Menge Sightseeing, wir durften in einem Rollenspiel unsere diplomatischen Fähigkeiten unter Beweis stellen und nahmen an einem Seminar über Meinungsfreiheit teil.

Dazu kam Kleingruppenarbeit, bei der wir uns über unsere bisherigen Erfahrungen austauschen konnten und über die Aufgaben und Verantwortung, die wir als Jugendbotschafter innehatten. Absolutes Highlight der Woche war ein Erkundungstag am Capitol Hill, bei dem wir die Repräsentanten und Senatoren unseres Bundesstaates kennenlernen und ihnen oder ihren Mitarbeitern im Einzelgespräch Fragen stellen durften.

Weihnachten und zwei Mal Geburtstag

Kaum daheim in Cincinnati, wartete bereits eine Überraschung auf mich. Meine Freunde hatten heimlich eine Feier vorbereitet, um meinen 16. Geburtstag vorab zu zelebrieren, bevor alle über die Weihnachtsferien in den Urlaub fahren würden. Dieser Tag gehört definitiv schon jetzt zu meinen liebsten Erinnerungen an mein Auslandsjahr.

Schließlich kam dann auch Weihnachten, das, ungewohnt für mich, am Morgen des 25. Dezember gefeiert wurde. Doch ich schob schnell alle Vorbehalte beiseite, als ich das wunderbare Weihnachtsfrühstück erblickte. Weihnachten in Amerika ist genau wie in den Filmen: ein riesiger Berg von Geschenken unter zwei Weihnachtsbäumen und alle Familienmitglieder sind im Pyjama. Der Tag verging viel zu schnell mit all dem Spaß, den wir hatten. Am Abend blieb dann sogar noch Zeit, offiziell meinen Geburtstag zu feiern.

Silvester: eher "lame"

Silvester hingegen war dagegen weniger spektakulär: Meine Gastmutter ging sogar wie gewohnt um 21 Uhr schlafen. Und Feuerwerk gab es in meiner Nachbarschaft auch nicht. Meine Gastschwester Laura und ich verbrachten den Jahreswechsel mit Freunden und schauten, gemäß amerikanischer Tradition, den "New Year's Eve Ball Drop", also wie ein Zeitball vom Dach des New Yorker Wolkenkratzers One Times Square an einer Stange herabgelassen wird. Wir aßen zu jedem Gong Trauben, ein Brauch mit spanischem Ursprung, wie mir Laura stolz erklärte.

Ein Traum wurde wahr

2018 war ein unglaubliches Jahr für mich, vor allem durch meine Austauscherfahrung. Noch vor einem Jahr hätte ich niemals gedacht, dass dieser Traum wirklich wahr werden würde.

In der ersten Hälfte meines Auslandsjahres habe ich viel über mich gelernt. Ich bin selbständiger und selbstbewusster geworden und habe Neues ausprobiert, wodurch ich herausgefunden habe, was ich mag und was für Wünsche und Ziele ich für meine Zukunft habe. Viel wichtiger: Ich habe herausgefunden, was für eine Art von Mensch ich sein will. Am Bedeutungsvollsten allerdings ist für mich, dass ich Stück für Stück lerne, mehr den Moment zu leben und zu realisieren, dass ständiges Sorgen über die Zukunft mich nur davon abhält, mein Leben zu genießen.

Mein Auslandsjahr hat mich auch gelehrt, dankbarer zu sein, denn seit ich so weit weg von meiner Familie und Freunden bin, merke ich erst, wie wichtig sie mir sind, wie unglaublich dankbar ich für alles bin, was sie für mich getan haben und wie froh ich bin, dass sie mich auch weiterhin auf meinem Lebensweg begleiten werden.

Und Danke!

Gleichzeitig bin ich aber auch unglaublich dankbar für die Chance, weit weg von meiner Heimat zu sein, denn auch wenn ich mein deutsches Zuhause sehr vermisse, bin ich doch wahnsinnig froh, dass all diese großartigen Menschen in mein Leben getreten sind.

Dieses Halbjahr hat mich nicht nur vieles über mich selbst gelehrt, sondern mir auch einen hautnahen Einblick in eine andere Kultur gegeben und, am wichtigsten, es hat mir erlaubt, viele neue und tiefe Freundschaften und Beziehungen zu knüpfen.

Dafür ein großes Dankeschön an den Deutschen Bundestag für mein Stipendium, an meine Austauschorganisationen, bei denen ich mich in guten Händen fühle, und an jeden, der mich bei der Verwirklichung meines großen Traumes von einem Auslandsjahr unterstützt hat. Und nun schaue ich bereits gespannt auf die nächsten und auch letzten fünf Monate meines Amerika-Aufenthaltes. Happy2019!

November 2018: Thanksgiving und Heimweh

Einfach Cool!

Meine amerikanische High-School sieht auf den ersten Blick aus wie aus einem Hollywood-Film: Groß und modern mit Klassenzimmern, die von den Lehrern individuell gestaltet sind. Gelbe Schulbusse stehen vor dem Schultor und Footballspieler laufen herum, die mit ihren breiten Schultern keineswegs aussehen wie 16, und die zu spät zum Unterricht kommen, weil sie mit ihrem Auto im "rush hour"-Stau stecken geblieben sind. Um meinen ersten Eindruck von meiner neuen Schule in einem Wort auszudrücken: "Cool!"

Tiere, Gebärdensprache und Aufklärung

Die "Turpin-Highschool" bietet ein breit gefächertes Angebot von außerschulischen Aktivitäten an, die sogenannten "Clubs". Es gibt zum Beispiel den "Animal Care Club", in dem man ehrenamtliche Arbeit in einem Tierheim leistet. Und einen Club, in dem man amerikanische Gebärdensprache lernen kann. Oder einen "GSTA (Gay & Straight & Transgender Alliance) Club", ein wöchentliches Treffen, bei dem man in einer sogenannten "Schutzzone" Aufklärung über Themen im Zusammenhang mit der LGBT-Community leistet.

Neben diesen Clubs, in denen ich mich beteilige, gibt es auch noch viele mehr: die verschiedenen Sportteams (Basketball, Fußball, Football, Cheerleading), die Band und natürlich Theater. Für das kommende Theaterstück habe ich es geschafft, den Posten des Schüler-Regisseurs zu ergattern. Dass bedeutet, dass ich nach der Schule, die um 15 Uhr endet, noch bis um 17.30 Uhr Theaterproben habe – und das jeden Tag.

Rempeleien und Spirit

Das ist nicht der einzige Stressfaktor in meinem Schulleben. Vor allem der tägliche Berg an Hausaufgaben macht mir zu schaffen, denn ich habe jeden Tag denselben Stundenplan, daher auch jeden Tag dieselben Fächer. Außerdem nerven mich die überfüllten Schulflure, wenn alle Schüler in einer Drei-Minuten-Pause zu ihrem neuen Fach in einem neuen Klassenzimmer hetzen. Da sind Rempeleien garantiert.

Trotzdem bin ich äußerst glücklich über meine neue Schule, denn ich habe nun auch die Möglichkeiten, Fächer wie "Amerikanische Geschichte/Politik" sowie "Theatertechnik" zu belegen. Im Unterricht wird mit Laptops und moderner Technik gearbeitet und der amerikanische "Highschool-Spirit" – Zusammengehörigkeitsgefühl und Stolz auf die eigene Schule – ist definitiv etwas Aufregendes.

Plätzchen im Oktober

Was mein außerschulisches Leben anbelangt, hat sich mittlerweile eine gewisse Routine eingestellt. Da meine beiden Gasteltern arbeiten und ich viel in der Schule bin, sehen wir uns meistens am Abend beim "Dinner", dem amerikanischen Abendessen. Ich habe definitiv eine herzliche und gute Beziehung zu meinen Gasteltern und Gastgeschwistern aufbauen können. Immer mal wieder unternehmen wir Ausflüge zusammen, gehen zum Beispiel zu einer amerikanischen Mall zum Einkaufen oder backen zusammen Weihnachtsplätzchen. Ja, meine Gastmutter hat damit schon im Oktober angefangen.

Thanksgiving war besonders schön, da ich nun auch die restlichen Verwandten kennenlernen und auch das ausgezeichnete Essen meiner Gastmutter genießen konnte. Freunde habe ich mittlerweile hier auch gefunden, die meisten in den Schulclubs. So oft ich Zeit habe, unternehmen wir irgendwas oder erkunden unsere Stadt Cincinnati.

Weihnachten fern von der Familie

Alles im allen geht es mir ausgezeichnet, wäre da nicht das Heimweh. Die meiste Zeit bin ich zu abgelenkt von meinem Schulalltag, doch wenn ich abends im Bett liege, wird mir klar, wie weit weg ich von meiner Heimat und meiner Familie bin. Der Gedanke, Weihnachten nicht daheim sein zu werden, liegt mir wie ein Stein im Magen.

Aber wenn ich dann sonntags mit meinen Eltern skype wird mir klar, dass mir das Jahr vielleicht jetzt ewig vorkommen mag und ich gerade zwar vielleicht am liebsten wieder zurück in mein bekanntes und vertrautes Städtchen möchte, aber das dieses Jahr mir auch eine unglaubliche Chance bietet, mehr über diese große weite Welt und auch über mich selbst zu lernen. Ich schaue also gespannt auf die kommenden Monate und genieße jeden Tag.

Oktober 2018: Waffen in den USA

Polizeinsatz in Cincinnati

Es war der 6. September, 9.10 Uhr, als die Polizei von Cincinnati die Nachricht über einen, "active shooter", einen Amokläufer in einer Bank im Zentrum der Stadt erreichte. Drei Menschen wurden getötet. Es gab mehrere Verletzte und die ganze Stadt stand danach unter Schock. Auch auf deutschen Nachrichtenportalen gab es Berichte zu dem schrecklichen Vorfall. Das Büro meiner Gastmutter befindet sich in unmittelbarer Nähe vom Ort des Geschehens. Durch sie habe ich am Nachmittag von dem Vorfall erfahren.

Amoklauf in der eigenen Stadt

Für mich war es das erste Mal, dass sich eine solche Tat in meiner Umgebung abgespielt hat – und das in einem Land, in dem Waffenrechte ohnehin oft ein Thema sind. Nach diesem Ereignis redete ich auch mit meiner Gastmutter über Waffengesetze im Vergleich zu Deutschland. Bei uns darf nicht jeder eine Waffe besitzen, für einen Waffenschein gibt es sehr strikte Auflagen. In den USA ist das sehr viel lockerer geregelt. Meine Gastmutter machte klar: In ihrem Haus würde es nie Waffen geben.

Waffen zum Schutz?

Auch im Politikunterricht kam nach dem Amoklauf das Thema auf. So erfuhr ich, dass mein Lehrer plant, sich eine Schusswaffe zu besorgen, um im Ernstfall seine Familie und seine neugeborene Tochter beschützen zu können. Die amerikanische Sicht der Waffennutzung als Selbstschutz und nicht in erster Linie als Mittel zum Angriff, ist mir fremd.

Bei einem Treffen der deutschen und amerikanischen Teilnehmer des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms in Washington D.C. haben wir auch im Rahmen eines Seminars über Waffen gesprochen. Wir sollten uns passend zu unserer Einstellung zu den Waffengesetzen in den USA im Raum aufstellen. Die Rubriken waren alles zwischen "nichts ändern" und "komplettes Waffenverbot". Das Ergebnis: Die meisten plädierten für strengere Waffengesetze, aber kein Amerikaner war für ein komplettes Waffenverbot und kein Deutscher für freie Waffennutzung. Das nenne ich kulturellen Unterschied!

Waffenstaat Ohio

In Ohio kann man ab 18 Jahren jederzeit in einen Waffenshop gehen und eine Schusswaffe kaufen, vorausgesetzt man stammt aus Ohio und steht nicht unter Drogeneinfluss. Dazu kommt, dass Ohio ein "open-carry state" ist, was bedeutet, dass es legal ist, die Schusswaffe offen sichtbar am Körper zu tragen.

Und das solle sich auch nach dem Amoklauf nicht ändern, finden viele Waffenbesitzer und Befürworter der Regel. Doch woher kommt diese "Besessenheit" von Waffen? Für viele US-Amerikaner stellt der Waffenbesitz einen Teil ihrer Kultur dar.

Freiheit gleich Waffenbesitz

Die Gründerväter wollten ihre Nation vor den Engländern schützen und sicherten deshalb allen Amerikanern das Recht zu, eine Waffe zu tragen. Verankert wurde das schon zu Gründerzeiten im sogenannten "2. Amendment", einem Zusatzartikel in der US-Verfassung. Der Gedanke von Freiheit ist in den USA eng mit dem Besitz von Waffen verbunden und ein Verbot dieser würde in den Augen vieler Amerikaner einer Einschränkung ihrer Rechte und Freiheiten gleichkommen.

Schutz der Amerikaner über allem

Doch der Ruf nach strengeren Waffengesetzen wird lauter. Die "anti-gun violance"-Bewegung wächst mit jeder weiteren Waffentragödie in den USA. Ihr Argument: Die Gründervater meinten mit dem "2. Amendment" die Sicherung des "Schutzes" der Amerikaner und nicht den Waffenbesitz für jedermann. Um die Sicherheit der Nation zu gewährleisten, müsse man die "Freiheit" von Waffenbesitzern einschränken.

Ich bin gespannt, was ich während meines Aufenthalts hier noch zu diesem Thema lerne und ob sich meine eigene Einstellung zum Thema dadurch ändert.

September 2018: "Morning Sweetheart"

Mein großes Abenteuer begann in Washington D.C. mit einem zweitägigen Vorbereitungsseminar, bei dem die Deutschen Stipendiaten des Parlamentarischen Patenschaftsprogramms auf die amerikanischen CBYX-Stipendiaten (amerikanische Stipendiaten, die ein Jahr in Deutschland verbringen) trafen. Wir deutschen Austauschschüler, noch angeschlagen vom Jetlag, hatten dabei die Möglichkeit, mit den Amerikanern Tipps und Tricks für unsere Aufenthalte auszutauschen.

Heikles Thema

Wir haben auch über politische Themen gesprochen, wie zum Beispiel "gun control" (Waffenkontrolle). Anders als in Deutschland ist es vergleichsweise leicht, in den USA eine Waffe zu erwerben. Das sorgt immer wieder für Diskussionen. Dabei lernten wir einerseits, unseren eigenen Standpunkt klarer auszudrücken, aber auch, uns in andere hineinzuversetzen und zu verstehen, welche Themen man in gewissen Situationen lieber nicht ansprechen sollte.

Drei Memorials an einem Tag

Am nächsten Tag stand die Stadtbesichtigung auf dem Programm. Zunächst besuchten wir das "State Department" (Außenministerium) und hatten dort die Möglichkeit, Botschaftern der interkontinentalen deutsch-amerikanischen Beziehung Fragen zu ihrem Fachgebiet zu stellen.

Danach erkundeten wir das "National Museum of American History" und sahen uns das Jefferson Memorial und das Martin Luther King Memorial an. Nach einem kurzen Zwischenstopp für ein Abendessen im Hard Rock Café konnten wir noch einen Blick auf das Lincoln Memorial werfen, bevor der Bus uns zurück zu unserem Hotel brachte.

Der große Tag

Den letzten gemeinsamen Abend verbrachten wir Austauschüler alle zusammen gemütlich am Hotelpool, wohlwissend, dass am nächsten Morgen der große Tag war: am 4. August machten sich die amerikanischen Austauschüler auf ihren Weg nach Deutschland, während ich in den Flieger nach Cincinnati, Ohio, stieg.

Zugegeben, ich war schon sehr nervös, so ganz auf mich gestellt. Doch die Vorfreude überwog, denn ich wusste, wenn ich aus diesem Flugzeug wieder aussteige, würde ich sie endlich treffen: meine Gastfamilie.

Unsicherheiten

Die Tage nach der Ankunft waren sehr aufregend. Ich lernte viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte kennen und schüttelte viele Hände. Alles in allem fühlte ich mir sehr willkommen und herzlich aufgenommen.

Alles war interessant und neu, aber auch ein wenig unsicher, kannte man sich ja erst seit Kurzem. Um diese Unsicherheit zu klären, ging ich an meinem zweiten Tag zu meiner Gastmutter mit einigen grundlegenden Fragen: Wie lang darf ich außer Haus sein? Darf ich die Küche benutzen? Soll ich die Zimmertür offen lassen oder schließen? Dürfen Freunde vorbeikommen? Soll ich einen Anteil am Internet bezahlen? Was sind meine Aufgaben im Haus?

Hirsche im Vorgarten

Wenige Tage nach mir kam dann auch meine Gastschwester Laura, eine Austauschülerin aus Spanien, mit der ich bereits zuvor E-Mail-Kontakt hatte, an. In den Sommerferien unternahmen wir viel zusammen, machten einen Roadtrip nach Iowa, um eine amerikanische Farm zu sehen, vergnügten uns in einem Achterbahnpark oder genossen verschiedene Gerichte in einigen lokalen Restaurants.

Im Hause meiner Gastfamilie ist immer etwas los. Öfter war schon die älteste Tochter zu Besuch oder ein Familienabendessen stand an. Oder die Hirsche aus dem Wald beschlossen, die Blumen aus dem Vorgarten zu fressen und sich dabei nicht von dem kläffenden Hund meiner Gastfamilie ablenken zu lassen.

"Morning Sweetheart"

Aber ich genoss auch die ruhigeren Stunden, in denen ich meine neue Familie besser kennenlernen konnte. Und schneller als erwartet begannen wir zu scherzen und zusammenzuwachsen. Besonders Laura und ich verstanden uns so gut, dass unsere Gastfamilie dazu übergegangen ist, uns "die Zwillinge" zu nennen.

Und als ich an einem Samstagmorgen verschlafen aus meinem Bett rollte und von meiner Hostmum mit einem sanften "Morning Sweetheart" begrüßt wurde, wusste ich, dass ich angekommen war.

August 2018: Geduld, Geduld

Hallo, mein Name ist Finn und ich bin 15 Jahre alt. Ich bin ein wahrer Bücherwurm und schaue gerne Filme und Serien. Ich mag es aber auch, draußen zu sein oder Basketball zu spielen. Schauspielen ist meine große Leidenschaft, außerdem bin ich bei den Pfadfindern und liebe Tiere. Ich komme aus dem überschaubaren Balingen, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart. Für mein Auslandsjahr in den USA reise ich nach Cincinnati, die drittgrößte Stadt Ohios.

Auf das Parlamentarische Patenschaftsprogramm hat mich eine Freundin aufmerksam gemacht. Da ich mein Englisch verbessern möchte und mir dieses Programm die Möglichkeit gibt, kulturelle und politische Einblicke in die USA zu bekommen, habe ich mich beworben.

Langes Warten auf die Gastfamilie

Das lange Warten auf meine Gastfamilie war unangenehm, vor allem für meine Eltern, die mich in sicheren Händen wissen wollten. Dass ich lange nicht wusste, bei wem ich die nächsten zehn Monate verbringen würde, hat mich nervös gemacht und viele Fragen aufgeworfen. Habe ich noch genug Zeit, um meine Gastfamilie vor meiner Ankunft kennenzulernen? Was soll ich als Gastgeschenk kaufen, wenn ich nicht weiß, was sie mag? Brauche ich Winterklamotten oder eher nicht?

Während die anderen Austauschschüler ihre Gastfamilien zugeteilt bekamen, musste ich mich mit der tröstenden Nachricht: "Haben Sie noch ein bisschen Geduld" zufrieden geben. Das war für mich eine neue Erfahrung, denn ich bin nicht der geduldigste Mensch.

Kurz vor knapp endlich Gewissheit

Nachdem ich unzählige Male die Frage: "Wohin kommst du denn jetzt in den USA?" nicht beantworten konnte, folgte die große Erlösung. Am 23. Juli, ganze zehn Tage vor meinem Flug in die USA, wurde mir mitgeteilt, dass meine Gastfamilie aus zwei berufstätigen Eltern und drei Kindern besteht. Ich habe noch am selben Tag E-Mail-Kontakt zu ihnen aufgenommen.

Meine Gastfamilie hatte sich offenbar bereits vor längerer Zeit entschieden, mich aufzunehmen. Allerdings hat die Schule meine Anmeldung erschwert, weil zur gleichen Zeit noch ein anderer deutscher Austauschschüler kommt und die Schulleitung sich mehr "Internationalität" gewünscht hat. Meine Gastfamilie hat sich aber für mich eingesetzt, sodass die Schule dann schließlich doch nachgegeben hat.

Und es gab noch eine Überraschung: Eine weitere Austauschschülerin aus Spanien wird zur gleichen Zeit wie ich bei der Gastfamilie einziehen. Auch mit ihr habe ich schnell Kontakt aufgenommen. Ich denke, es wird interessant, noch eine weitere fremde Kultur zu erleben, und sicher können wir uns gut in den anderen hineinversetzen, wenn es zum Beispiel um Heimweh geht.

Ampelmännchen und Schokolade

Unorganisiert wie ich bin, habe ich erst zwei Tage vor dem Abflug damit angefangen, meine Sachen zu packen. Größtenteils habe ich schlichte Klamotten eingepackt, aber auch ein schickeres Hemd und eine Übergangsjacke. Glücklicherweise ist das Klima in Ohio ähnlich wie das in Baden-Württemberg, weshalb ich mich entschieden habe, bei Bedarf einfach vor Ort einkaufen zu gehen.

Als Gastgeschenk habe ich ein Wetterhäuschen und Ampelmännchenanhänger organisiert und außerdem reichlich Schokolade und Gummibärchen eigepackt. Dann fehlten nur noch meine wichtigen Unterlagen und ein paar persönliche Dinge – erledigt war das große Kofferpacken.

Schwerer Abschied

Der Abschied von meinen Freunden und meiner Familie ist mir schwer gefallen, denn zehn Monate sind schon eine lange Zeit. Um in diesem Jahr eine Erinnerung an sie zu haben, habe ich ein Buch gestaltet, das ich "Finns year abroad" taufte, in dem jeder, der wollte, einen kleinen Text für mich hinterlassen konnte.

Schließlich war es so weit, der große Tag des Abschieds war gekommen. Und als schließlich das Flugzeug abhob, fühlte ich mich wahrlich frei.

Kommentare