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Der Autor

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Samuel Nepomuk Schwarz (20)
studiert Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft

Kunst im Bundestag
Mehr als Dekoration

15.08.2018 |

Was hat Politik mit Kunst zu tun? Warum sammeln Bundestagsabgeordnete Bilder und Skulpturen? Und wer kümmert sich im Parlament darum? Samuel hat in Berlin Dr. Andreas Kaernbach getroffen und sich einige Werke ganz genau angeschaut.

Kurator Kaernbach

Kurator Kaernbach: Der Bundestag fördert auch junge Künstler. – © Pressefoto

Herr Kaernbach, als Kurator betreuen Sie die Kunstsammlung des Bundestages. Was machen sie genau?

Der Bundestag besitzt zahlreiche Kunstwerke und betreibt eine aktive Ankaufspolitik. Neben den Kunstwerken, die sich an und in den Gebäuden befinden, also der "Kunst am Bau", erwirbt der Bundestag jährlich eine Reihe von Kunstwerken meist junger Künstler oder beauftragt gezielt Künstler für einzelne Werke.

Im Lateinischen bedeutet "cura" Sorge, und das ist auch im Wesentlichen meine Aufgabe als Kurator: sich Sorgen um die Erhaltung der Sammlung zu machen. Meine Abteilung und ich kümmern uns aber nicht nur um die Erhaltung und Pflege der Sammlung, wir schlagen auch Werke vor, die den Bestand erweitern könnten, und sind zuständig für die angemessene Vermittlung dieser Sammlung gegenüber den Bürgern, Abgeordneten und Mitarbeitern des Bundestags.

Worauf wird bei der Anschaffung von Kunst Wert gelegt?

Zunächst einmal muss die Kunst qualitativ angemessen für eine solche Sammlung sein. Wenn es Kunst ist, die sich mit politisch relevanten Themen auseinandersetzt, ist das sehr willkommen, aber es ist keine Bedingung. Denn eine Artothek muss ja offen sein für alle Interessen und Geschmäcker. Ausschließlich Kunst, die Politik zum Thema hat, wäre in der Gesamtheit wohl etwas langweilig und trocken.

Ganz besonders wichtig ist die Nachwuchsförderung. Das heißt, dass der Kunstbeirat Wert darauf legt, die Kunst zu kaufen, bei der er eine besondere künstlerische Identität zu erkennen glaubt. Dabei geht es nicht nur um eine finanzielle Unterstützung dieser Künstler am Anfang ihrer Karriere, viel mehr spielt auch der psychologische Aspekt, also die Motivation, den künstlerischen Weg fortzusetzten, eine zentrale Rolle.

Gibt es Kontroversen um die Kunst im Bundestag?

Ja, zum Teil ganz heftige. Zum Beispiel löste die Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch Christo im Vorhinein eine große Diskussion aus. Und auch bei Hans Haackes "Der Bevölkerung" kam es zur Diskussion und Abstimmung im Plenum des Bundestags. Es ist aber auch nicht Sinn der Kunst, Einmütigkeit zu schaffen. Denn gerade durch die Kontroverse wird die Kunst erst richtig lebendig und gedanklich anregend. Auch wenn man gegen ein Kunstwerk Stellung bezieht, bedeutet es ja, dass man sich mit diesem Kunstwerk auseinandergesetzt hat. Etwas Besseres kann ein Kunstwerk gar nicht leisten.

Wie und wo ist die Kunst im Bundestag zu sehen?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Man kann über den Besucherdienst eine Führung zu "Architektur und Kunst" buchen (samstags und sonntags in den unterschiedlichen Gebäuden). Oder gezielt die Ausstellungen, wie die am Mauer-Mahnmal oder aktuell im Seitenflügel des Schadow-Hauses, besuchen. Für Kinder und Jugendliche bieten wir außerdem Workshops an, die sich mit unseren Ausstellungen, aber auch mit der Kunst am Bau auseinandersetzen.

Leistet der Bundestag mit seiner Sammlung das gleiche wie ein modernes Museum?

Einerseits ja, aber durchaus mit einer weiterführenden Zielsetzung. Natürlich geht es uns um die Kunst. Aber das besondere an den Gebäuden des Bundestags als Ausstellungsort ist, dass sie lebendige Orte politischer Entscheidungen sind. Kunstwerke, die von Künstlern für diese Orte geschaffen wurden, werden ja bewusst in diesen politischen Kontext gestellt. Das ist nochmal etwas anderes als die rein kunstbezogene Betrachtung im Museum.

Was bedeutet dann die Kunst im Bundestag?

Kunst ist hier nicht Dekoration, die gefällt oder nicht gefällt. Vielmehr sind die Arbeiten der Künstler mit vielen Überlegungen, Ideen und Konzepten verbunden, die uns durch die Werke vorgeschlagen werden. Zusammen mit dem politischen Raum, in dessen Kontext sie stehen, fordern sie uns auf, sich mit ihren Gedanken auseinanderzusetzen.

Wie kommt der Bundestag zu seiner Kunst?

Welche Kunst der Bundestag erwirbt, entscheidet der Kunstbeirat, ein parlamentarisches Gremium, das unter der Leitung des Bundestagspräsidenten aus Abgeordneten aller Fraktionen gebildet wird. Dieser Beirat tagt mehrmals im Jahr, um Kunstprojekte und den Umgang mit der Sammlung zu besprechen.

Einmal im Jahr findet eine Ankaufssitzung statt. Hier wird kontrovers über die Vorschläge, die das Sekretariat des Gremiums einbringt, wie auch über die Vorschläge der Abgeordneten diskutiert. Am Ende wird ein Mehrheitsbeschluss gefasst. Als Sekretär bereite ich diese Sitzungen zwar vor, die Kaufentscheidungen aber treffen die Abgeordneten.

Wie setzt sich die Sammlung des Bundestags zusammen?

Es gibt die Ankäufe und Auftragsarbeiten von nationalen und internationalen Künstlern. Dafür steht dem Kunstbeirat ein jährliches Budget von 175.000 Euro für den Ankauf neuer Werke beziehungsweise 100.000 Euro für gezielte Aufträge an Künstler zur Verfügung. Im vergangenen Jahr konnte so die Sammlung um Werke von acht Künstlern erweitert werden.

Außerdem wird bei jedem Neubau fürs Parlament ein gewisser Prozentsatz des Budgets für den Ankauf von Kunst am Bau bereitgestellt. Beim Umbau des Reichstagsgebäudes entsprach dieser Satz drei Prozent des Baubudgets, wie viel Geld im Einzelfall bereitsteht, hängt dabei stark von den Bauprojekten ab und wird individuell festgelegt.

Die Vergabe findet meist durch internationale Ausschreibungen statt, es kommt aber auch vor, dass der Kunstbeirat Künstler direkt mit Aufträgen für Kunst am Bau betraut. Ein weiteres Aufgabenfeld, das zur Betreuung der Sammlung gehört, ist neben dem Kuratieren von Ausstellungen das Betreiben der Artothek. Sie bietet einen Bestand an Kunstwerken, aus dem sich die Abgeordneten Kunstwerke für ihre Arbeitsräume, Flure und Sitzungsräume ausleihen können.

Haben Sie ein Lieblingskunstwerk in der Sammlung?

Nein, ich versuche, möglichst offen zu bleiben für neue Künstler und Strömungen zu entdecken und immer wieder einen frischen Blick zu entwickeln, auch wenn das nicht immer einfach ist.

Über Andreas Kaernbach:

Dr. Andreas Kaernbach studierte Geschichte und Kunstgeschichte in Bonn und Wien. Seit dem Jahr 2000 betreut er als Kurator die Sammlung des Deutschen Bundestages und ist Sekretär des Kunstbeirates.

Warum betätigt sich der Bundestag als Kunstsammler? Das erfahrt ihr auch hier im Video:

© DBT

Kommentare

 

Hans Roland Meyer schrieb am 01.09.2018 18:34

Leider sind in den Schulen die Unterrichtsstunden für Kunst (Verständnis) nicht als wichtiger Bildungsfaktor etabliert. Möglicherweise ist es Absicht, um den Einfluss der Medien nicht zu mindern. Da hat so eine Sammlung Alibifunktion. H.R. Meyer OStr. a.d. (Kunsterzieher)

 

 

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