Zum Inhalt springen

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

Es begann mit einem Testament

Marejke Tammen

Ravensbrück war einst das größte Konzentrationslager für Frauen, heute ist es eine Mahn- und Gedenkstätte, die in diesem Jahr auch Ziel der Jugendbegegnung des Bundestages ist. Wir haben mit dem Leiter der Bildungsabteilung, Matthias Heyl, über Verfolgung, Zwangsarbeit und verweigerte Anerkennung gesprochen – und darüber, wie der Ort heute junge Menschen erreicht.

Eine Schwarz-Weiß Aufnahme von einem Mann, der in die Kamera lächelt, eine Brille und eine Schiebermütze trägt und die Arme vor der Brust verschränkt hat.

Matthias Heyl leitet die Internationale Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück sowie die Bildungsabteilung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. © Deutscher Bundestag

Zwischen 1939 und 1945 wurden im Konzentrationslager Ravensbrück etwa 120.000 Frauen inhaftiert. Wer waren diese Frauen und was passierte mit ihnen?

Die Frauen kamen aus mehr als 30 Ländern und wurden von den Nationalsozialisten als politisch Verfolgte (etwa 70.000), Jüdinnen, „Kriminelle“ und „Asoziale“, darunter Sinti und Roma, oder als Zeuginnen Jehovas eingestuft. Im Lager mussten sie Zwangsarbeit leisten. Zunächst handelte es sich um bewusst sinnlose Tätigkeiten, wie etwa das ständige Umlagern von Sandhaufen. Damit wollte man die Häftlinge demütigen. Später folgte die industrielle Arbeit: Im Lager entstanden Produktionsstätten, unter anderem zur Herstellung von Uniformen. In unmittelbarer Nachbarschaft produzierte zudem die Firma Siemens & Halske deutsche Rüstungsgüter.

Zur Person

Matthias Heyl

hat Geschichte, Psychologie und Erziehungswissenschaft studiert und ist seit 2002 pädagogischer Leiter der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück und Leiter der Bildungsabteilung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

Später entstand neben dem Frauenlager auch ein kleines Männerlager – und das Konzentrationslager Uckermark. Was geschah dort?

Es handelte sich um ein sogenanntes „Jugendschutzlager“ für Mädchen und junge Frauen im Alter von 16 bis 21 Jahren. Der Name ist jedoch irreführend: Geschützt wurden die Jugendlichen dort nicht. Vielmehr sollte die „deutsche Volksgemeinschaft“ vor ihnen „geschützt“ werden, weil ihnen zum Beispiel „sexuelle Verwahrlosung“, „Aufsässigkeit“ und „Arbeitsscheue“ vorgeworfen wurde. Das Schlimme ist: Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten diese jungen Frauen weiterhin Diskriminierung, ihre Verfolgung wurde nicht als nationalsozialistische Verbrechen anerkannt. Im Männerlager waren von 1941 bis 1945 etwa 20.000 Männer inhaftiert. In Kürze wird die Gedenkstätte dazu eine Online-Ausstellung veröffentlichen.

Warum wurden die Mädchen und jungen Frauen im sogenannten „Jugendschutzlager“ inhaftiert?

Unter den Inhaftierten waren zum Beispiel Mädchen, die die verbotene Swing-Musik hörten oder Kontakt zu jüdischen Menschen oder „fremdvölkischen“, ausländischen Menschen hatten, oder denen das auch nur nachgesagt wurde. Damit stellten sie sich aktiv gegen die Regeln und Normen der Nationalsozialisten. Den Mädchen und jungen Frauen wurde eine Mitschuld an ihrer Inhaftierung gegeben. Diese Sichtweise änderte sich in West und Ost erst in den 1990er-Jahren. Erst danach erhielten die Mädchen und jungen Frauen endlich Anerkennung für ihr erlittenes Leid.

Das ehemalige Konzentrationslager ist heute eine Mahn- und Gedenkstätte. Eine Dauerausstellung vermittelt die Geschichte des Lagers. 2002 wurde außerdem die Internationale Jugendbegegnungsstätte eröffnet. Wie kam es dazu?

Es gab einige polnische Inhaftierte, die ein „Testament“ verfasst haben. Ihr Wunsch war, dass aus dem Lager eines Tages ein friedlicher Ort der Begegnung wird. Diesen Wunsch haben wir mit der Gründung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte umgesetzt.

Wie sieht dieser Begegnungsort aus?

Wir bieten Bildungsprojekte für Jugendliche aus aller Welt an. Bis vor einigen Jahren haben wir zum Beispiel ein Generationen-Forum veranstaltet, bei dem Jugendliche und Überlebende zusammenkamen. Ein weiteres Format ist „Ravensdruck“, ein Kunstprojekt, bei dem Schülerinnen und Schüler sich mit den Lebensgeschichten Überlebender beschäftigen und Druckgrafiken gestalten. Bei all unseren Projekten gilt: Wir wollen die Geschichte und den Ort erfahrbar machen, ohne die Teilnehmenden emotional zu überfordern. Sie sollen ihre eigene Stimme und Haltung finden, Teil einer lebendigen Erinnerungskultur sein.

mitmischen-Autorin

Marejke Tammen

Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.