Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
„Sie haben Brot gebacken und Bier gebraut“
Marejke Tammen
Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin erinnert an das Schicksal von rund 13 Millionen Menschen. Doch die Form der Ausbeutung durch Zwangsarbeit ist keinesfalls Geschichte. Noch heute können wir Spuren von Zwangsarbeit im Alltag finden, wie Daniela Geppert vom Dokumentationszentrum erklärt.
Daniela Geppert leitet die Bildungsabteilung im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide. © Andreas Schölzel / Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
Ganz einfach: Weil dieser Ort eine Wirkkraft hat. Zu sehen, wie die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter damals lebten, macht etwas mit einem. Geschichte wird nahbarer. In Baracke 13 steht zum Beispiel noch ein ursprünglicher Waschbrunnen. Und im Luftschutzkeller kann man auf Spurensuche gehen. Dort findet man noch originale Inschriften von Inhaftierten. Das ist ein großer Schatz!
Leider ist die Quellenlage hier sehr dünn. Was wir aber sicher wissen: In Schöneweide wurden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus mindestens acht Nationen untergebracht. Dabei handelte es sich um italienische Militärinternierte oder KZ-Häftlinge. Der Großteil der Insassen waren Menschen, die aus den besetzten Gebieten Europas ins Deutsche Reich verschleppt wurden.
Daniela Geppert
ist Historikerin und leitet die Bildungsabteilung im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide.
Überall! Einige der in Schöneweide untergebrachten Menschen waren auf Baustellen eingesetzt oder in den nahegelegenen Rüstungsbetrieben sowie bei der Firma Pertrix tätig, wo Batterien hergestellt wurden. Ein Großteil der im Deutschen Reich ausgebeuteten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hat unmittelbar für die deutsche Zivilbevölkerung gearbeitet. Sie haben die Ernte eingebracht, Brot gebacken, Bier gebraut, Haare geschnitten, als Totengräber, in Schlachtereien oder bei der Müllabfuhr gearbeitet. Aber in unserem Dokumentationszentrum beschäftigen wir uns auch mit anderen Themen wie Überwachung, sexuellen Übergriffen oder der Krankheitsversorgung in den Lagern.
Genau. Vor einigen Jahren haben wir von der Familie Quandt, die während der NS-Zeit Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in ihren Firmen beschäftigte, eine höhere Geldspende erhalten. Das gibt uns die Möglichkeit, Jugendliche und junge Erwachsene aus aller Welt zu verschiedenen Workshops einzuladen.
Weil sich Geschichte fortsetzt, viele Enkel gehen heute auf Spurensuche nach dem Zwangsarbeitseinsatz ihrer Familienmitglieder. Und auch heute noch werden wir tagtäglich mit Formen der Zwangsarbeit konfrontiert. Dazu müssen wir uns nur anschauen, woher unsere Kleidung, unser Essen kommen oder unter welchen Bedingungen unser Smartphone hergestellt wird. Und eine kritische Meinungsbildung entsteht nur durch Bildungs- und Geschichtsarbeit. Wir müssen uns anschauen, warum Menschen in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden und was es bedeutet, wenn aus Demokratien Diktaturen werden. Nur so können wir diskriminierende Strukturen abbauen.
Marejke Tammen
Marejke hat ihr journalistisches Volontariat unter anderem in der mitmischen-Redaktion absolviert. Während dieser Zeit ging es für sie mit der Jugendbegegnung 2024 nach Bad Arolsen. Die diesjährige Jugendbegegnung begleitet sie als freie Autorin und berichtet an dieser Stelle über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.