Blog Tag 1

Die Reise in die Vergangenheit beginnt

23.01.2020 – Mit 60 anderen jungen Menschen zusammen bricht Lukas morgen auf nach Auschwitz. Was ihm davor durch den Kopf geht, hat er in seinem ersten Blog-Beitrag aufgeschrieben.
Lesen und nachdenken: Vorbereitungen auf eine Reise, die sicherlich intensiv werden wird. © Lukas Stern

„… und ich habe geweint und geweint, weil ich schuld daran war, dass mich meine Familie nie wiederfinden würde. Weil ich die Schuld auf mich geladen hatte, zu überleben.“

Dieser Satz stammt aus einem Buch. „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“, so heißt es. Der Autor, Christoph Heubner, erzählt darin fünf Schicksale von Auschwitz-Überlebenden. Und dieser Satz führt mir eines nochmal ganz deutlich vor Augen: Das unbeschreibliche Unrecht, das den Juden, den Sinti und Roma und vielen anderen verfolgten Menschen im Dritten Reich (1933-1945) widerfuhr – es war mit der Befreiung der Konzentrationslager 1945 noch lange nicht aus der Welt geräumt.

Die Asche der Toten

Den Satz spricht eine der Erzählerinnen aus Heubners Buch: eine ungarische Frau, die als Kind nach Auschwitz deportiert wurde. Also an den Ort, wo über eine Millionen Menschen von den Nazis in Gaskammern erstickt und in Krematorien verbrannt wurden, wo die Asche der Toten tagtäglich in die umliegenden Wälder und Flüsse gekippt wurde, wo der SS-Arzt Josef Mengele tödliche Krankheitserreger in die Körper lebender Babys spritzte, um anschließend ihre Leichen untersuchen zu können. Die Erzählerin überlebt.

Das Unrecht ist nicht vorbei

Nach der Befreiung von Auschwitz wandert die junge Ungarin nach Kassel. Und von dort emigriert sie in die USA. Als sie an Land geht, fühlt sie sich schuldig. Wie soll sie nun ihre Familie je wiedersehen können, denkt sie sich. Wie soll sie überhaupt in Erfahrung bringen, ob ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins noch leben. Sie kann nicht verstehen, warum ausgerechnet sie zu den wenigen gehört, die den Holocaust überlebt haben. Denn etwa sechs Millionen Menschen wurden durch den Rassenkrieg der Nazis ermordet.

Das Unrecht war mit Kriegsende nicht vorbei. Für die Verfolgten gab es kein Hurra der Freiheit. Was es gab waren Trauma, Leid, Angst und lebenslange Schäden. Mit diesen Gedanken fahre ich morgen an den Ort des Verbrechens – nach Oświęcim. Das ist der polnische Name für Auschwitz.

Anlass unserer Reise

Mit mir fahren 60 Jugendliche im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Anlass unserer Reise ist die internationale Jugendbegegnung des Bundestages, die jedes Jahr rund um den 27. Januar, den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stattfindet. Und dieses Datum hat in diesem Jahr eine besondere Bedeutung.

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von den russischen Truppen befreit – also vor genau 75 Jahren. Mit Christoph Heubner habe ich über die Ereignisse dieses Winters gesprochen. Das Interview könnt ihr hier auf mitmischen.de nachlesen.

Ein dichtes Programm

Auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz II, auch genannt Birkenau, wird anlässlich des Jahrestages eine Gedenkstunde stattfinden. Dabei sein werden unter anderem Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin. Auch die Teilnehmer der Jugendbegegnung und ich sind eingeladen. In diesem Blog werde ich euch davon berichten.

Im Vorfeld der Gedenkstunde in Birkenau erwartet uns ein dichtes Programm. Zum Beispiel werden wir mit Zeitzeugen sprechen – unter anderem mit Lidia Skibicka-Maksymowicz, einer Frau, die im Kindesalter von Josef Mengele in Auschwitz misshandelt wurde. Wir werden die Gedenkstätten besichtigen, die Stadt Oświęcim erkunden, gemeinsam Abend essen, diskutieren, lernen. Auch davon werde ich euch hier jeden Tag erzählen.

Für mich heißt es jetzt aber erstmal lesen, nachdenken und Koffer packen. Uns erwarten ereignisreiche, mit Sicherheit trübe, aber bestimmt auch schöne Tage. Ich bin mit wachen Augen und Ohren für euch mit dabei.  

Wir lesen uns morgen wieder.

Liebe Grüße
Lukas

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