Zeitzeugen-Interview

„Mundwerk der Ossis“

31.10.2019 – Als Deutschland 1990 wiedervereinigt wurde, zog der Ostdeutsche Wolfgang Thierse in den Bundestag ein. 23 Jahre lang war er Abgeordneter, 7 Jahre auch Bundestagspräsident. Gloria hat ihn gefragt: Wie war das damals und wie geeint ist Deutschland heute?
Wolfgang Thierse vor seinem Porträt
1990 wurde Wolfgang Thierse Abgeordneter im Bundestag. Von 1998 bis 2005 war er Bundestagspräsident. Heute hängt sein Porträt in einem Gebäude des Parlaments, dem Paul-Löbe-Haus. © DBT/Achim Melde

Wie haben Sie persönlich den Fall der Mauer erlebt?

Alle wollen immer über den Mauerfall sprechen und vergessen dabei, dass das Wichtigere die zwei Monate davor waren. Der Aufbruch der Ostdeutschen, die Überwindung der Ängste, die Selbstermächtigung, der Schritt in die Freiheit – alles, was die Friedliche Revolution ausgemacht hat. Das war die wirklich wichtige Zeit, deren Folge dann die Maueröffnung war. 

Wie würden Sie Ihre Rolle in der deutsch-deutschen Einigung beschreiben?

Ich war in meiner Partei und im Bundestag ein vernehmbarer und kämpferischer Vertreter der ostdeutschen Interessen. Ich glaube, der Titel „Mundwerk der Ossis“, mit dem mich einige belegten, bringt meine Rolle sehr gut auf den Punkt. Es gab nicht viele ostdeutsche Politiker, denen zugehört wurde und umso energischer musste ich kämpfen. 

Nach dem Fall der Mauer traten Sie 1990 in die SPD ein, die es bis dahin in der DDR noch nicht gab und die dort gerade neu gegründet wurde. Warum haben Sie sich dafür entschieden? 

Für mich war es der SPD-Politiker und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, der mich zur SPD brachte. Er stand für die Politik der Entspannung, dafür Menschen zu helfen. Die Entspannungspolitik der 1970er Jahre ermöglichte eine allgemeine Entschärfung des Ost-West-Konflikts. Damals standen sich ja der sogenannte "Ostblock" unter der Führung der Sowjetunion und der sogenannte "Westen" unter Führung der USA konfrontativ gegenüber. Die DDR gehörte zum „Ostblock“, die BRD zum „Westen“. Brandt verbesserte die Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands. Er setzte sich damals für die Menschen ein, die in Westberlin und in der DDR eingesperrt waren. Damit zeigte er mir, was demokratische Politik sein kann und was sozialdemokratische Politik sein muss: den Menschen zu helfen, die für sich selbst nichts tun können. Willy Brandts Vorbild beeindruckte mich so nachhaltig, dass ich in die SPD eintrat.

Im September 1990 wurde die SPD der DDR dann mit der SPD der Bundesrepublik vereinigt. Was bedeutete das für die Partei – und für Sie? 

Die Gründer der SPD der DDR haben ausdrücklich eine sozialdemokratische Partei gegründet und sich damit in die Tradition der Sozialdemokratie gestellt. Es war also nur folgerichtig, sich mit der SPD der Bundesrepublik zu vereinigen, um eine gesamtdeutsche, starke, sozialdemokratische Partei zu werden.

Auch der Bundestag wurde 1990 zu einem gesamtdeutschen Parlament. Wie lief diese Einigung ab? Wie war die Stimmung damals?

Das war ganz einfach: Die 144 Abgeordneten der demokratisch gewählten Volkskammer der DDR wurden Teil des Bundestages. Wir wurden freundlich begrüßt und schon kurze Zeit später waren wir Teil des parlamentarischen Alltags.

Wie hat sich die Dynamik im Bundestag in den darauffolgenden Jahren entwickelt? Welche Herausforderungen gab es? 

Die Themen waren für alle Abgeordneten gleich. Es ging um den Aufbau Ostdeutschlands, die Umwandlung der Verhältnisse im Osten, sozial- und wirtschaftspolitische Fragen und natürlich um Europa.

Wir Ostdeutschen mussten lernen, Teil dieses routinierten parlamentarischen Systems zu werden, eigene Positionen zu vertreten, für unsere Anliegen einzustehen und um Mehrheiten zu kämpfen. Das war nicht immer einfach, weil der Osten Deutschlands ja kleiner ist als Westdeutschland. Aber auch daran haben wir uns schnell gewöhnt.

Sie haben die vielen großen und kleinen Einigungen Deutschlands während und nach der Wende erlebt. An welchen besonderen Moment denken Sie gerne zurück?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Die Einigung Deutschlands war ein kontinuierlicher Prozess mit vielen Aufs und Abs. Wichtige Daten waren auf jeden Fall die staatliche Vereinigung am 3. Oktober 1989 und die Entscheidung für Berlin als Sitz von Regierung und Parlamentein dreiviertel Jahr später. Ich erinnere mich noch an die langen, hitzigen Debatten im Bundestag und an meinen Redebeitrag dazu. Ich glaube noch immer, dass die Verlegung der politischen Hauptstadt Deutschlands von Bonn nach Berlin, in den Osten also, ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Einigung war.

Vor Kurzem wurde der Bericht über den Stand der Deutschen Einheit im Bundestag diskutiert. Was sagen Sie: Ist Deutschland heute geeint? 

Ja und Nein. Es gibt noch immer große wirtschaftliche und soziale Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Zum Beispiel bei der Wirtschaftskraft, der Höhe der Gehälter und Löhne, dem Umfang der Rentenbeiträge – da bleibt Ostdeutschland noch immer hinter Westdeutschland zurück.

Auch Unterschiede in der Mentalität der Menschen sehe ich noch immer. Das Selbstbewusstsein und die Selbstwahrnehmung sind im Osten ganz anders als im Westen.

Wann wird die Einigung denn tatsächlich vollständig vollzogen sein?

Ich bin kein Prophet, ich weiß es also nicht. Vielleicht dauert es noch lange, bis sich ein „Niveau deutscher Normalität“ einstellt. Das würde bedeuten, dass die Unterschiede zwischen Ost und West nicht mehr gravierender wären als die zwischen Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Kleine Unterschiede sollen und werden immer bleiben. Es sollte nicht unser Ziel sein, jegliche Unterschiede zu beseitigen.

Über Wolfgang Thierse 

Wolfgang Thierse (SPD), 76, arbeitete zu DDR-Zeiten an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und an der Akademie der Wissenschaften. Anfang 1990 trat er in die SPD ein, die in der DDR gerade erst gegründet worden war. Als Deutschland wiedervereint wurde, zog er in den Bundestag ein. 1998 wurde er zum Bundestagspräsidenten gewählt, bis 2005 blieb er in diesem Amt. Von 2005 bis 2013 war er Vizepräsident. 2013 entschied er sich, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. 

Kommentare