Rückblick

Der Zensus – wichtig und umstritten

07.08.2019 – Wie leben Alleinerziehende? Wie hoch sind die Mieten? Die Daten der Volkszählung helfen Politikern, Entscheidungen zu treffen. Trotzdem gab es und gibt es bis heute auch immer wieder Protest dagegen.
Zensus-Werbe-Plakat mit der Aufschrift "Wie entstehen Wohnungen da, wo wir sie brauchen?"
Dieses Plakat sollten 2011 für den Zensus werben. © dpa/Christian Charisius

Schon bei den Römern...

Der Begriff Zensus stammt vom lateinischem „census“, das so viel bedeutet wie „Zählung“ oder „Schätzung“. Schon in der Antike zählten die Römer regelmäßig die Bewohner ihres Reichs und bewerteten ihre Besitzverhältnisse. Tausende Jahre später gab es in Deutschland die erste Volkszählung: 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet und die Verwaltung brauchte dringend aktuelle Bevölkerungsdaten. Noch im gleichen Jahr wurden die erste Volkszählung durchgeführt.

Erster und Zweiter Weltkrieg 

Während und nach dem Ersten Weltkrieg gab es aufgrund der Kriegshandlungen und der Wirtschaftskrise nur unregelmäßig Volkszählungen. Unter den Nationalsozialisten gab es dann zwei, die erste 1933, die zweite 1939. Gerade die Rolle der Volkszählung 1939 wird bis heute von einigen Wissenschaftlern kritisch gesehen, denn sie vermuten, dass die Daten dabei geholfen haben, Juden und politische Gegner zu verfolgen. 

Geteiltes und wiedervereinigtes Deutschland 

Solange Deutschland in zwei Staaten geteilt war, fanden stets zwei Volkszählungen statt: eine in der DDR und eine in der Bundesrepublik Deutschland. Erst 2011, 21 Jahre nach der Wiedervereinigung, kam es zur ersten gesamtdeutschen Volkszählung. Der Zensus 2011 war die erste "registergestützte" Volkszählung in Deutschland. Das bedeutet, dass der Großteil der Daten von Ämtern auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene kommt. Tatsächliche Befragungen von Menschen gab es nun nur noch als Stichproben, weshalb bei der Volkszählung 2011 nur ungefähr neun Millionen der rund 80 Millionen Menschen in Deutschland tatsächlich befragt wurden. 

Protest und Boykott-Aufrufe

In all den Jahrzehnten gab es immer wieder Streit um den Zensus. Besonders hitzig wurde die Debatte um den Zensus 1983, als es bundesweit zu Protesten und Boykott-Aufrufen gegen den Zensus kam. Viele Aktivisten hatten Angst vor der „Totalerfassung“, „Verdatung“ und „Computerisierung“ der Gesellschaft. Die Bundesregierung änderte das Gesetz zur Vorbereitung des Zensus damals aufgrund der Proteste noch mal ein bisschen. 1987 wurde der geplante Zensus dann durchgeführt – der letzte bis zur gesamtdeutschen Zählung 2011. 

Auch wenn seitdem fast vier Jahrzehnte vergangen sind, sind die Sorgen um den Datenschutz beim Zensus geblieben. Aktuell wird zum Beispiel die Frage diskutiert, ob es in Ordnung ist, dass die Zugehörigkeit zu einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaft, also evangelisch oder katholisch, abgefragt wird. Datenschützer kritisieren das. Und auch der Bundesbeauftragte für Datenschutz und die Informationsfreiheit hat Kritik geäußert. Die Kritiker sind der Meinung, dies seien private Informationen und es müsse jedem freistehen, sie für sich zu behalten. Ein Antrag der Grünen, der die Frage zur Religionszugehörigkeit ganz streichen wollte, fand allerdings im Bundestag keine Mehrheit. 

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