Wirtschaftsforscher

„Dass die Abkühlung kommt, war klar“

17.10.2019 – Immer im Herbst schauen Wirtschaftsforscher in die Zukunft und schätzen, wie es Deutschland im folgenden Jahr gehen wird. Simon Junker ist einer von ihnen. Wir haben ihn gefragt: Müssen wir uns Sorgen machen?
Simon Junker im Portrait
Die deutschen Autohersteller hätten wichtige Trends verschlafen, sagt Wirtschaftsforscher Simon Junker. © DIW

Immer im Herbst schauen Wirtschaftsforscher in die Zukunft und schätzen, wie es Deutschland im folgenden Jahr gehen wird. Nun heißt es: Die Wirtschaft wird weniger stark wachsen, als bisher erwartet. Müssen wir uns Sorgen machen?

Nein. Wir hatten in Deutschland lange Zeit eine sehr gute wirtschaftliche Lage. Daher war klar, dass irgendwann eine Abkühlung kommen würde. Jedoch kann man sagen, dass diese schneller kam als erwartet. 

Das Institut, für das Sie arbeiten, hat an der sogenannten Gemeinschaftsdiagnose mitgearbeitet. Woran liegt es, dass die deutsche Wirtschaft aktuell nicht so stark wächst?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem die Industrie schwächelt in Deutschland in den letzten Jahren, also jener Teil der Wirtschaft, in dem Produkte hergestellt werden, etwa Maschinen, Autos oder Medikamente. Aktuell spielen dabei vor allem der Brexit und die Streitigkeiten zwischen den USA und China über die Regeln beim Handel eine große Rolle. 

Unglücklicherweise ist schwer zu bestimmen, wie es weitergeht. Kommt es vielleicht doch noch zu einem geordneten Brexit? Werden die Streitigkeiten beigelegt? Sollte das so sein, gehen wir davon aus, dass sich das Wachstum in Deutschland stabilisiert. Das bedeutet, dass unsere Wirtschaft weiterhin wächst, wenn auch vielleicht weniger als vorher. 

Was würde aber passieren, wenn es nun doch zu einem ungeregelten Brexit kommt oder der Streit zwischen den USA und China weiter geht? 

Das würde die Lage für die deutsche Wirtschaft erst einmal schwieriger machen. Ein ungeregelter Brexit könnte dazu führen, dass Unternehmen auf Lieferungen warten müssen und nicht weiter produzieren können. Natürlich könnten die Firmen diese Probleme längerfristig beheben. 

Gibt es auch Entwicklungen bei uns im Inland, die das Wachstum dämpfen?

Ja. Wir sehen momentan, dass sich die Automobilindustrie weltweit stark verändert. Viele deutsche Hersteller haben jedoch die neuen Trends verschlafen. Ein weiterer Faktor ist, dass immer mehr Unternehmen der Autoindustrie Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern. Die Gründe sind vielfältig. Kosten wie beispielsweise für das Personal sind woanders niedriger. Auch Regeln etwa für den Umweltschutz oder für Arbeitnehmer sind im Ausland nicht so streng wie in Deutschland. 

Welche Auswirkungen hat das für die Bürgerinnen und Bürger?

Es gehen Arbeitsplätze in Deutschland verloren. Gleichzeitig sehen wir aber auch positive Entwicklungen: Das durchschnittliche Einkommen der Deutschen steigt weiterhin an, wie auch in den letzten Jahren. Grund dafür ist, dass Arbeitskräfte stark gefragt sind. Dass durchschnittlich mehr verdient wird, sagt allerdings noch nichts darüber aus, wie gleich oder ungleich diese Einkommen verteilt sind. 

Außerdem kommen Impulse von der Bundesregierung, die dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger mehr Geld in der Tasche haben und somit durch mehr Konsum die Wirtschaft stärken können. 

Sie und die anderen Wirtschaftsforscher ermitteln regelmäßig Daten zum Wirtschaftswachstum, berücksichtigen dabei jedoch nicht die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Wachstums. Sollten wir mehr darüber reden?

Ja, das ist ein wichtiges Thema. Das Problem dabei ist aber, dass das globale Fragen sind. Wie wir Wachstum in Zukunft gestalten, muss politisch auf internationaler Ebene ausgehandelt werden. Ich bin mir unsicher, ob ein Handeln auf rein nationaler Ebene dort eine große Wirkung zeigt. Gleichzeitig können aber beispielsweise ökologische Maßnahmen dazu führen, dass deutsche Unternehmen innovativer werden. 

Sie schreiben im Vorwort der Gemeinschaftsdiagnose: „Ein Festhalten an der schwarzen Null wäre schädlich“. Die „schwarze Null“ steht für null Schulden. Heißt das, Deutschland soll sich Ihrer Meinung nach weiter verschulden? 

Das ist ein komplexes Thema. Erst einmal muss man sagen, dass die „schwarze Null“ wirtschaftspolitisch weder gut noch schlecht ist. Erreicht man sie, hat man nicht automatisch eine positive Wirkung. Gleichzeitig sollte man nicht einfach irgendwie Schulden machen. 

Wir haben dazu in Deutschland eine Regel, die sogenannte Schuldenbremse. Danach darf der Bund nur neue Schulden machen, um in wirtschaftlich schwachen Zeiten gegenzusteuern. Ein Beispiel wären da höhere Ausgaben für Sozialleistungen, etwa, weil mehr Menschen arbeitslos sind. 

Diese Regel erlaubt jedoch nicht, Schulden zu machen für langfristige Investitionen etwa in Straßen, Schienen oder Brücken, also die Infrastruktur, oder für Investitionen in die Digitalisierung, Bildung und klimafreundliche Technologien. Diese jedoch bräuchten wir momentan, sie würden die deutsche Wirtschaft stärken. 

Ihrer Prognose nach hat der Staat in den kommenden Jahren immer weniger Spielraum bei den Ausgaben. Was bedeutet das politisch? 

Das bedeutet, dass es immer schwieriger werden wird, langfristige Projekte politisch umzusetzen, da diese ja auch irgendwie bezahlt werden müssen. 

Wie machen Sie das überhaupt, vorhersehen, wie die Wirtschaft sich in den nächsten Jahren entwickeln wird? 

Bei unserer Gemeinschaftsdiagnose handelt es sich um eine sogenannte bedingte Diagnose. Das heißt, wir analysieren die Weltwirtschaft und versuchen zu verstehen, wie sich diese auf die deutsche Wirtschaft auswirkt. Daneben schauen wir uns natürlich auch noch an, welche Politik die Bundesregierung im Bereich Finanzen macht oder etwa die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Wir blicken auch auf Daten über die Industrieproduktion, die Stimmung in den Unternehmen und bei den Verbrauchern, also den Bürgern. Insgesamt ergibt sich aus einer Vielzahl von Faktoren und Indikatoren ein Gesamtbild, das wir zu interpretieren versuchen.

Die Gemeinschaftsdiagnose wird schon seit 1950 durchgeführt. Haben sich Ihre Vorhersagen in der Vergangenheit immer als richtig erwiesen?

Die Realität weicht ständig von unserer Gemeinschaftsdiagnose ab. Es ist nicht unser Ziel, die Zukunft jetzt schon zu 100 Prozent abzubilden. Bei der Gemeinschaftsdiagnose handelt es sich, wie bereits gesagt, um eine bedingte Diagnose. Das heißt, wir sagen lediglich, wie sich die Wirtschaft unter bestimmten Bedingungen entwickeln würde. Wir kritisieren dabei ja auch bewusst gewisse Bedingungen, die wir als schlecht erachten, und hoffen, dass die Politik dann handelt. Wenn die Politik darauf reagiert, bedeutet das natürlich auch, dass die Realität von unserer Vorhersage abweicht – und genau das wünschen wir uns ja. 

Über das DIW 

DIW steht für: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. Das DIW erforscht seit über 70 Jahren wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge. Gemeinsam mit anderen Instituten veröffentlicht das DIW zweimal im Jahr – im Frühling und im Herbst – die Gemeinschaftsdiagnose

Über Simon Junker 

Dr. Simon Junker ist stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik beim DIW Berlin. Er beschäftigt sich also schwerpunktmäßig damit, wie unsere Wirtschaft sich entwickelt. Neben der Gemeinschaftsprognose heißt sein zweites aktuelles Forschungsprojekt „Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung“. 

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