Bildung

Wie gerecht ist Deutschland?

22.07.2022 – Ist es wirklich so, dass jeder die gleiche Chance auf einen guten Schulabschluss hat? Im Bundestag befanden Experten im Fachgespräch: Nein. Wer aus einer armen Familie komme, sei klar im Nachteil.
Schülerin von hinten auf dem Weg in die Schule, verschwommen weitere Schüler
Bildung öffne alle Türen, heißt es. In der Realität bleiben sie für Kinder aus armen Familien oft verschlossen. © shutterstock.com/sebra

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. So steht es in der Kinderrechtskonvention, die die Vereinten Nationen 1989 verabschiedete. Alle Kinder und alle Jugendlichen sollen die Chance haben, sich durch Bildung die Chance auf einen guten Beruf und ein gutes Leben zu erarbeiten. Unabhängig davon, wie viel Geld die Eltern haben. So die Theorie. Aber wie sieht die Realität in Deutschland aus?

Das diskutierte der Parlamentarische Beirat für nachhaltige Entwicklung am 6. Juli mit Expertinnen und Experten. „Bildung als Mittel gegen Armut und soziale Ungleichheit“ lautete der Titel des Fachgesprächs.

Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut

2,8 Millionen Kinder und Jugendliche seien von Armut betroffen, sagte Antje Funcke von der Bertelsmann Stiftung. Seit 2005 wachse jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut auf. Leider sei es vor allem für Alleinerziehende und Mehr-Kind-Familien schwer, aus der Armut wieder rauszukommen.

Corona hat die Lage verschärft

Der Bildungsstand von Kindern und Jugendlichen hänge mit der sozialen Herkunft eng zusammen, führte Funcke weiter aus. So hätten Viertklässler aus gut situierten Familien in Mathe und Deutsch etwa ein Jahr Vorsprung vor gleichaltrigen Kindern aus armen Familien.

Ihr Kollege Amir Sallachi schilderte plastisch die Situation von Schülerinnen und Schülern, die „ohne Frühstück eine Klassenarbeit schreiben, sich vor Klassenausflügen krank stellen oder in beengten und lauten Wohnungen Hausaufgaben machen müssen“. Sallachi konstatierte: „Für arme Kinder erweist sich die Schule leider als ein Ort der Demütigung.“ Die Corona-Pandemie habe die Situation noch weiter verschärft.

Deutschland schneidet schlecht ab

Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Standal, beklagte, dass Deutschland beim Thema Aufstiegschancen durch Bildung im internationalen Vergleich schlecht dastehe.

Das fange schon bei der Kita an, wo ärmere Familien einen höheren Anteil ihres Einkommens für die Kitakosten aufbringen müssten als andere Einkommensgruppen. Es ginge in der Schule weiter, wo Schülerinnen und Schüler aus sozial schwächeren Familien nicht ausreichend gefördert würden und deshalb oft nur einen niedrigen Schulabschluss machten.

Klundt erklärte, im internationalen Vergleich brauche ein Mensch im Durchschnitt fünf Generationen, um sich von einer unteren Gesellschaftsschicht in eine mittlere vorzuarbeiten, dies zeigten Studien. Während der Wert in skandinavischen Ländern bei zwei bis drei Generationen liege, seien es in Deutschland sechs.

Gleiche Chancen für alle

Im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen die Agenda 2030 verabschiedet, mit dem Ziel, den Menschen weltweit in Zukunft ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen zu wahren. Die Agenda 2030 listet 17 Nachhaltigkeitsziele auf, die ihr hier nachlesen könnt. Eins dieser Ziele lautet „inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung“.

Hier seht ihr das Fachgespräch im Video:

(jk)

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