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Migrantische Selbstorganisation Verbände fordern Professionalisierung

Raphael Fröhlich

Migrantische Organisationen vertreten die Anliegen verschiedener Gruppen in der Gesellschaft. Die Verbände stehen oft vor Herausforderungen. Im Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement wurde darüber gesprochen.

Es ist Nacht, im Vordergrund eine Ampel auf Grün, weiter hinten eine Straßenlaterne und der Schriftzug „Vielfalt ist unsere Heimat'.

Schätzungsweise 10.000 bis 20.000 migrantische Organisationen gibt es in Deutschland. Sie vertreten die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte. © picture alliance/dpa/Roland Weihrauch

Das Thema Migration spielt in Deutschland eine wichtige Rolle – politisch und gesellschaftlich. Knapp 30 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Das haben die Erstergebnisse des Mikrozensus für das Jahr 2022 ergeben. Der Mikrozensus ist eine Volkszählung, die gesetzlich angeordnet ist und bei einem Prozent der Bevölkerung durchgeführt wird.

Der Erhebung zufolge hat also deutlich mehr als jede vierte Person in Deutschland einen Migrationshintergrund. Und davon sind knapp 64 Prozent selbst eingewandert und 36 Prozent in Deutschland in einer Familie mit Zuwanderungsgeschichte geboren.

Schätzungsweise 10.000 bis 20.000 Organisationen

In Deutschland gibt es viele verschiedene Verbände, die die Interessen der Menschen mit Migrationshintergrund vertreten. Diese Verbände nennt man auch migrantische Organisationen (MO) oder migrantische Selbstorganisationen (MSO), eine einheitliche Definition für diese Verbände gibt es nicht. Laut Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) versteht man unter MSO solche Organisationen, deren Ziele mit der Situation und den Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte zusammenhängen. Laut bpb gibt es schätzungsweise 10.000 bis 20.000 dieser Organisationen. Ihre Ausrichtungen sind sehr unterschiedlich: So geht es bei einigen Organisationen etwa stärker um eine gemeinsame Religion, in anderen Initiativen um kulturelle Gemeinsamkeiten, manchmal um Politik, Feminismus oder Unternehmertum.

Fachgespräch im Unterausschuss

Der Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement hat sich kürzlich mit migrantischer Selbstorganisation beschäftigt. Zu einem öffentlichen Fachgespräch waren Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer einiger dieser Organisationen eingeladen. Sie haben Einblicke in ihre Arbeit gegeben – und Probleme benannt.

Selbstorganisationen als Safe-Space

Özge Erdoğan ist Geschäftsführerin des Bundes der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland (BDAJ) und berichtete, dass ihr Verband unter anderem eine migrantische Jugend-Selbstorganisation sei und Bildungscamps zu Themen wie Prävention sexualisierter Gewalt und Klimagerechtigkeit anbiete. Vor allem sei der Verband aber auch ein „Safe Space“, ein Raum, in dem man keine Angst vor Rassismus haben müsse. Erdoğan erzählte, dass sie aus eigener Erfahrung wisse, dass Rassismus einem überall begegnen könne. „Ich bin häufig angespannt gewesen in allen Kontexten“, sagte sie. Mehr zu dem Verband und ihrer Arbeit hat uns Özge Erdoğan im Interview erzählt.

Dass das Engagement im BDAJ so gut funktioniere, sei nicht selbstverständlich, merkte Erdoğan an. Man wolle als Akteur ernst genommen werden, aber das sei immer mit viel Mühe und Engagement verbunden.

Professionelle Ausgestaltung notwendig

Besonders die Struktur der Selbstorganisationen stelle eine Herausforderung dar, weiß auch Soraya Moket. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin des Dachverbands der Migrantinnenorganisationen (DaMigra).Überwiegend seien die Selbstorganisationen ehrenamtlich organisiert, so Moket. Lediglich einzelne Projekte würden finanziell gefördert und dann nur bis zu maximal zwei Jahren. Die Anträge dafür seien sehr kraftraubend und durch die kurze Förderung ginge sehr viel Wissen verloren, da Mitarbeiterinnen aufgrund befristeter Arbeitsverträge immer wieder schnell wechselten. Dass die Organisationen professionell ausgestaltet werden, halte sie deshalb für sehr wichtig. Mehr dazu erfahrt ihr im Interview mit Soraya Moket.

Beitrag zur pluralen Gesellschaft

Die Organisationen könnten zu einer solidarischen und pluralen Gesellschaft beitragen, betonte Özge Erdoğan die Rolle der Organisationen. So könnten sie das beste Beteiligungsinstrument für Menschen mit internationaler Biografie sein. Dabei sei nicht entscheidend, ob die Mitglieder selbst nach Deutschland gekommen seien oder Migration Teil ihrer Familiengeschichte sei.

Selbstorganisationen manchmal wenig respektiert

Mit ihrer Organisation erreicht sie nach eigenen Angaben mehr als 10.000 geflüchtete und migrierte Frauen, sagte Moket. Dennoch seien migrantische Selbstorganisationen in der Dominanzgesellschaft viel zu wenig bekannt. Es mangele an Verantwortungsbewusstsein für die Bedürfnisse und Themen der Migrantinnen.

Obwohl DaMigra einen Austausch zwischen den Kulturen führen wolle, würden feministische Verbände sie ausschließen, kritisierte Moket. Zu oft werde über die Migrantinnen geredet und nicht mit ihnen. Tagtäglich berichteten zudem besonders Frauen in Ostdeutschland DaMigra, dass sie in der Schule, auf der Arbeit und in öffentlichen Verkehrsmitteln rassistisch diskriminiert würden. „Meistens sind diese dann überfordert, wie sie sich wehren und damit umgehen können.“ Für solche Fälle organisiere der Verband Argumentationstrainings, erklärte Moket.

„Wichtige Akteure der Integration“

Sich in Selbstorganisationen einbringen zu können, ist für Ayman Qasarwa ein Menschen- und Bürgerrecht. Er ist Geschäftsführer des "Dachverbandes der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst)". Während sich bei DaMigra Frauen-Organisationen zusammenschließen, bringt DaMOst Organisationen zusammen, die die Interessen von Frauen und Männern vertreten. 

Migrantische Organisationen könnten wichtige Akteure der Integration, Sensibilisierung und Förderung von bürgerschaftlichem Engagement sein und der nicht-migrantischen Gesellschaft und der Politik die Herausforderungen vermitteln, mit denen Migranten zu tun hätten, so Qasarwa.

Forderung nach besserer Zusammenarbeit

„Wir fordern eine bessere Zusammenarbeit zwischen MOs und Kommunen und Ländern“, fuhr Qasarwa fort. Denn nicht alle migrantischen Organisationen bewerteten diese Zusammenarbeit positiv. Es sei wichtig, die Vielfalt der Organisationen anzuerkennen und wertzuschätzen. Dazu gehöre es auch, ihr Selbstverständnis zu berücksichtigen und ihr Engagement gezielt zu fördern.

Außerdem brauche es mehr Demokratieförderung und Partizipation von migrantischen Organisationen auf Bundesebene. Sie seien Teil der Zivilgesellschaft und gestalteten diese aktiv mit. Daher sollten sie auch als Teil der Gesellschaft politisch anerkannt und aktiver in Entscheidungsprozesse auf Bundesebene eingebunden werden, erklärte Qasarwa.Langfristige finanzielle Förderung von migrantischen Organisationen sei zudem eine Hauptforderung von DaMOst.

„Migrantische Selbstorganisation ist nur der erste Schritt“

Migrantische Selbstorganisation sollte nur der erste Schritt in Richtung einer multi-religiösen, multi-ethnischen vielfältige Gesellschaft sein, betonte Ahmad Mansour. Er ist Geschäftsführer von Mind Prevention, einer Initiative, die sich für Strategien zur Extremismusprävention, Integration und Demokratieförderung einsetzt.

Er erklärte, dass sich seine Organisation nicht als migrantische Selbstorganisation verstehe, da sie mit Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft arbeite. Die Mitarbeiter der Organisation hätten zu 70 Prozent einen Migrationshintergrund, aber es gebe auch Deutsche ohne Migrationshintergrund. Er wünsche sich eine Zeit, in der die migrantischen Selbstorganisationen nicht mehr gebraucht würden, weil die Menschen mit Migrationshintergrund in bestehende Strukturen integriert seien und gleichberechtigt mitgestalten könnten.

Mansour betonte außerdem, dass die Arbeit der migrantischen Organisationen vor allem in den vergangenen fünf Jahren professioneller geworden sei, dass sie mehr mitgestalteten und man ihnen häufiger zuhöre. Auch die Finanzierung sei im Vergleich zu vor zehn Jahren besser geworden.

Nachholbedarf bei Polizei und Feuerwehr

Großen Nachholbedarf sehe er, wenn es um Berufe bei der Feuerwehr oder der Polizei gehe. Aus Gesprächen mit Mitarbeitern der Feuerwehr wisse er, dass die Gesellschaft es kaum bis gar nicht schaffe, Menschen mit Migrationshintergrund für diese Berufe zu gewinnen. Bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen sowie in Berlin habe man schon große Fortschritte gemacht. Von den neu eingestellten Polizisten, die in der Polizeiakademie Berlin ihre Ausbildung machten, hätten 35 bis 40 Prozent einen Migrationshintergrund. „Das macht die gesamte Polizei offener, vielfältiger und vor allem sensibler, was Rassismus und Diskriminierung angeht“, sagte Mansour. Trotzdem könne man in diesem Bereich noch deutlich besser werden.

Andere gesellschaftliche Probleme wie Rechtsextremismus zu bekämpfen, sei allerdings Aufgabe von allen, warnte er, und dürfe nicht auf migrantische Selbstorganisationen abgewälzt werden.

Das Fachgespräch könnt ihr euch im Video ansehen. Weitere Informationen erhaltet ihr auf bundestag.de.

Zur Person

mitmischen-Autor

Raphael Fröhlich

ist 19 Jahre alt und auf dem Weg, das Abitur in Tübingen zu machen. Daneben ist er immer wieder bei verschiedenen Lehrredaktionen anzutreffen und berichtet am liebsten über Themen, die den Gerechtigkeitssinn in ihm wecken.

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